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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
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wo sie sich, unter dem Vorwand, entlaust, untersucht und ge­badet zu werden, ihrer Kleider entledigen mußten. Von hier aus kamen sie in das ,, Untersuchungszimmer", wo von einigen SS- Ärzten eine Scheinuntersuchung durchgeführt wurde. Jeder Untersuchte mußte dann durch den Zwischengang in den eigentlichen Exekutionsraum treten, wo er unter dem Winkelstück der Meßlatte stehend den tödlichen Genickschuẞ empfing. Diesen gab ein SS- Schütze, der sich in dem hinter der schlitzförmigen Scharte befindlichen Raum aufhielt, durch eine Bohrung im Vertikalstück des Meßwinkels ab. Da dieser Meẞ­winkel je nach der Körpergröße des Deliquenten veränderlich war, traf der Schuß in sämtlichen Fällen sein Ziel. Sofort nach Entfernung der Leiche erfolgte durch ein in das Unter­suchungszimmer geleitetes Lichtzeichen die Fortsetzung der Aktion, das heißt die Erschießung des nächsten Gefangenen. In den ersten dieser Exekutionsnächte war an Schlaf nicht zu denken. Unsere Baracke befand sich in nächster Nähe der Hinrichtungsstätte, von dieser nur durch eine Mauer und den elektrischen Drahtzaun getrennt. Immer und immer wieder, fast die ganze Nacht hindurch, hörten wir das An- und Ab­fahren des grauen Wagens, das Dröhnen der Motorspritze und dumpf die in monotonem Gleichmaẞ fallenden Schüsse. Wir hatten schon viel gesehen und erlebt in diesem Lager. Wir hatten gesehen, wie am 9. November 1940 achtzig junge Polen vor dem Turm A entkleidet wurden, wie man ihnen mit Blaustift eine Nummer auf die Brust malte und wie man sie im Lastwagen nach dem Industriehof schaffte, wo man sie in einer Sandgrube erschoẞ. Wir wußten, daß dort hinten Fürchterliches geschah. Aber wir hatten nicht an die Möglich­keit einer so mechanisierten Organisation gedacht, nicht an die Technifizierung des Mordes, den automatischen Totschlag. Nun zeigte es sich, daß die ,, Technik der Entvölkerung", von der Hitler gesprochen hatte, keine Floskel war, sondern grau­same Wirklichkeit.

Es erübrigt sich, nach den Gründen einer solchen Maßnahme zu fragen. Hitler selbst hat die Antwort gegeben. Das Ein­

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