Von hier beobachteten wir nun die weiteren Vorgänge. Wir sahen, wie ein großer fensterloser Kraftwagen, der später auch als Gaswagen Verwendung fand, am Gittertor der Isolierung vorfuhr und wie etwa 50 Russen durch eine Gasse von SS - Leuten in das Innere des Wagens getrieben wurden. Alles vollzog sich sehr rasch. Die Wagentüre klappte ins Schloß und der Lastwagen fuhr durch den Turm A, den Kommandanturbereich und an den Ausrüstungswerken vorbei in den Industriehof. Was sich hier und in den folgenden Nächten abspielte, wissen nur wenige Häftlinge aus eigener Anschauung; vorausgesetzt, daß noch einer von ihnen unter den Lebenden weilt. Man hatte ein Kommando von Berufsverbrechern mit Böhm als Vorarbeiter gebildet, deren Aufgabe es war, die Leichen der Ermordeten aus der Leichenhalle in die Verbrennungsöfen zu schaffen. Dieses Kommando wurde streng isoliert und kam mit den übrigen Häftlingen des Lagers nicht in Berührung; es wohnte in einer eigenen Baracke auf dem Industriehof und erhielt Truppenverpflegung und Schnaps. Trotzdem ließ sich der Verkehr zwischen den Angehörigen des Kommandos und dem Lager nicht ganz unterbinden, weshalb wir schon nach kurzer Zeit über den Verlauf der Aktion unterrichtet wurden. Da sich außerdem die grausige Anlage unmittelbar hinter der westlichen Lagermauer befand, konnten auch wir im Lager einen Teil der äußeren Vorgänge, die ja unschwer auf die inneren Vorgänge schließen ließen, wahrnehmen. Wir sahen die Tag und Nacht mächtig qualmenden Schlote der vier Krematoriumsöfen und wir hörten das Brausen und Rauschen der großen Motorfeuerspritze und den Lärm eines auf höchste Tonstärke gedrehten Lautsprechers die in Abständen von fünf Sekunden fallenden Pistolenschüsse übertönen.
Nach Berichten, die wir auf Umwegen und über die Häftlinge verschiedener Verpflegungsbetriebe, die wiederum mit dem Kalfaktor des Krematorium- Kommandos in Berührung kamen, erhielten, vollzog sich die Exekution in der Weise, daß jeweils 50 Gefangene in den Auskleideraum geführt wurden,
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