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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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XIV

VERLORENE MENSCHEN AUF VERLORENEN POSTEN

Kurz vor meiner Versetzung nach dem Block 53 wurde ich vom Arbeitsdienst als Schreiber in den Krankenbau des Lagers kommandiert. Ich sollte dort den ältesten Sohn des am 28. Juni 1914 in Serajewo ermordeten Erzherzog- Thronfolgers Franz Ferdinand , Fürst Ernst von Hohenberg, ersetzen. Er befand sich seit der Annexion Österreichs durch die Truppen Hitlers in Haft, war zuerst im KZ Dachau , wo man ihn in einer Sandgrube schaufeln ließ, dann im Granit- Steinbruch des La­gers Flossenbürg und schließlich in Sachsenhausen. Hier hatte man es aufgegeben, ihn noch länger zu quälen; er erhielt eine Schreiberstelle im Revier und sollte im Frühjahr 1941 ent­lassen werden. Nach wenigen Tagen stellte sich heraus, daß es mit der Entlassung Hohenbergs noch eine gute Weile habe, und ich mußte den kaum angetretenen Posten wieder auf­geben. Besonders unglücklich war ich darüber nicht, denn das Revier galt damals als ein gefährlicher Boden, auf dem der eiserne Gustav sein Unwesen trieb. Auch diente dieses Institut damals mehr der Vernichtung als Heilzwecken. Sein Leiter, der SS- Untersturmführer Dr. Ehrsam, erledigte die tägliche Untersuchung der kranken Häftlinge im Freien, morgens 6 Uhr auf dem Appellplatz. Da er das auch im Winter so hielt, kann man sich die Heilerfolge vorstellen. Die meisten Kranken star­ben schon vor ihrer Einlieferung in den Krankenbau, denn Ehrsam ließ Häftlinge, die an Lungenentzündung erkrankt waren, erst eine Zeitlang ans Tor stellen, wo der Wind be­sonders heftig blies.

Im Inneren des Reviers herrschten furchtbare Zustände. Es gab hier keine vorgebildeten Pfleger, keinen sachkundigen Sanitä­ter, keinen wohlwollenden Arzt. Es wurde viel mit Injektionen gearbeitet, an deren Folgen die Menschen dahinsiechten und

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