rade Verbrecher, aber auch nicht nützliches Mitglied der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft war. Zahlreiche kranke oder altersschwache Leute befanden sich darunter, auch geistig minderwertige Personen, Verwachsene und Krüppel, mit denen man selbst in den Konzentrationslagern keinen Staat mehr machen konnte und die nun hier auf den Aussterbeetat gesetzt wurden. Es war dies eine der Methoden, mit denen Hitler die Arbeitslosigkeit so erfolgreich bekämpfte und die ihm soviel Anerkennung und begeisterte Zustimmung eingetragen hatten. ,, Schrotthaufen der Nation" nannte die SS diese zusammengewürfelten Existenzen, die, wenn kräftig genug, zum Lageraufbau verwendet wurden, während alle anderen in Stehkommandos aufgeteilt und der Vernichtung preisgegeben wurden. Dieses Stehkommando war der leere Schlafsaal einer Baracke. Zusammengepreßt wie die Sprotten, unfähig, ein Glied zu rühren, standen hier an die 1500 Häftlinge von morgens 6 Uhr bis mittags 12 Uhr und von 1 Uhr nachmittags bis zum Abendappell.
Vorarbeiter dieser Elendsgestalten, das heißt der Mann, der sie in die Baracke hinein- und wieder hinaustreiben mußte, war der Häftling Böhm, der sehr bald begriffen hatte, daß sich aus der Haut anderer leicht Riemen schneiden ließen und daß auch das Konzentrationslager seinen Mann ernährte, wenn man nur eben ein Kerl war und über den nötigen Witz verfügte. Damals war SS- Standartenführer Baranowsky, seines klobigen Aussehens wegen ,, Vierkant" genannt, Kommandant des Lagers. Er beauftragte Böhm, die Kranken und Gebrechlichen zu vernichten. Mit einem selbstgeschnitzten Prügel traktierte er seine Schutzbefohlenen. Er war damit zum amtlich bestallten Totschläger geworden. Er bezog Extravergütung in Form von doppelten Rationen und Zigaretten. Er trug, um sich in seiner Würde von anderen Häftlingen zu unterscheiden, eine dunkelblaue Schirmmütze und war nie ohne seinen Eichenknüppel zu sehen.
Es ist schwer zu sagen, wie sich in seinem Kopf die Welt und die Zukunft dieser Welt, die ja auch die seine war, malte.
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