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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
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mitten in seiner Entwicklung stehenden Menschen bedeutet, kann man sich unschwer vorstellen. Herausgerissen aus dem System wissenschaftlicher Bemühungen und Disziplin, mit einem Schlag, unter Anwendung der gröbsten Mittel, in eine völlig andere Beschäftigungssphäre versetzt und nun drei oder vier Jahre lang darin festgehalten, muß der an geistige Arbeit Gewöhnte zugrunde gehen. Tausende, die sich gestern noch mit wissenschaftlichen Problemen beschäftigten, mußten heute Zement ausladen, mit Picke und Schaufel hantieren, Sand karren oder Holzschuhe fabrizieren, und alles das nicht zum Nutzen des eigenen Vaterlandes, sondern als unfreiwillige Hel­fer für einen politischen Mordbrenner. Im Lager hatten es die Studenten als Vertreter der vielgehaßten Intelligenz be­sonders schwer. Einen Mann der Wissenschaft sich mit einem groben Werkzeug abmühen zu sehen, befriedigte gewisse Per­sönlichkeiten des Lagers. Ich vergesse nie die Szene im Klin­kerwerk, wo ein grüner Vorarbeiter, also ein Bevauer, einem jungen Menschen eine furchtbare Ohrfeige versetzte, weil dieser auf die Frage nach seinem Zivilberuf geantwortet hatte: Bibliotheksassistent . Quälereien aller Art waren an der Tages­ordnung. Gleich im ersten Winter ihres Lageraufenthaltes starben einige Studenten an den Folgen einer Prozedur, der sie sich auf Befehl einiger Blockführer unterziehen mußten. Sie erhielten den Auftrag, sich gegenseitig in den Schnee ein­zugraben. Da die Kleidung der Zugänge im Sommer wie im Winter nur aus dünnem Drillichzeug bestand, viele von ihnen hatten weder Socken noch Fußlappen, waren schwere Erfrie­rungen und Krankheiten unausbleiblich. Die Lage der Stu­denten wurde noch dadurch verschärft, daß der Kommandant des Lagers, der SS- Oberführer Hermann Loritz, sie ganz be­sonders gefressen hatte, wie er sich selbst auszudrücken pflegte. Hätte man ihn gefragt, weshalb, wäre er in Verlegenheit ge­raten. Denn außer den allgemeinen Anschuldigungen, die von den Nazis gegen die Tschechen vorgebracht wurden, gab es keinen die Quälereien rechtfertigenden Grund. Aber was frag­ten Männer wie Loritz nach Gründen. Es gelang dem Lager

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