Druckschrift 
Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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XI

TSCHECHISCHE STUDENTEN

Unser Blockältester hieß Egon Nickel, ein politischer Häftling, der sich etwas darauf einbildete, schon seit dem Jahre 1933 in Schutzhaft zu sein und deshalb auf Neulinge und Anfänger wie mich geringschätzig herabsah. Mein Verhältnis zu ihm war von Anfang an gespannt. Zu meinem Unglück wurde der Unterhaltungsroman, den ich in meinem Sollner Exil geschrie­ben und dem Berliner Vertriebsverlag Duncker überlassen hatte, jetzt ausgerechnet im nationalsozialistischen, Angriff" gedruckt. Da diese Zeitung ins Lager kam, hatte sich das Er­eignis bald herumgesprochen und die Vorstellung erweckt, ich sei ein nationalsozialistischer Schriftsteller, denn man konnte sich den Umstand, durch, den der Roman in jenes Blatt ge­langt war, nicht anders erklären. Daß ich von dem Augenblick an, da ich mein Manuskript an den Verlag verkauft hatte, keinen Einfluß mehr auf die Erscheinungsweise hatte, daß die Verhandlungen zwischen Duncker und der Redaktion des ,, An­griff" sich zu einer Zeit abspielten, da ich bereits im Gefäng­nis saß und infolgedessen nicht die leiseste Ahnung hatte, ob mein Buch überhaupt erscheinen würde, konnte man nicht begreifen und da ich in meiner Lage keine Lust hatte, lange Erklärungen abzugeben, war ich für Nickel verdächtig und fragwürdig. Ich hatte wieder einen Feind, und da dieser Feind als Vertreter der im Lager herrschenden Häftlingshierarchie an mir gemessen groß und mächtig war, mußte ich damit rechnen, daß er, wie vor ihm Arno Musch, auf Mittel sinnen würde, mich zu vernichten. Denn derartige alte Kumpels hatten eines von der SS gelernt, die Beseitigung von unbe­quemen Elementen. Ich war ein unbequemes Element und be­fand mich dadurch in einer schwierigen Lage. Nickel beschloẞ zu handeln. Da er die Macht und die Möglichkeit hatte, Leute

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