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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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IX

ARBEITSHÖLLE KLINKERWERK

Unser Alltag war Arbeit und Arbeit, unser Alltag war Kar­toffelsuppe und Schwarzbrot; wir tranken eine bittere schwarze Brühe, die man Kaffee nannte, wir schliefen in den schmalen Eisenbetten den schweren bleiernen Schlaf der Entrechteten. Nur wenige Stunden waren arbeitsfrei. Als Zugang hatten wir noch weniger Ruhe als die alten Häftlinge; wir wurden zu vielen Nebenarbeiten wie Flur- und Klosettreinigen, Fenster­putzen und Strohsackstopfen herangezogen.

Der Blockälteste überwachte jeden unserer Schritte. Seine Ab­sicht war, uns zu schikanieren und uns fühlen zu lassen, daß wir Neulinge waren und nicht zu den Arrivierten gehörten. Gleichviel, welche Rolle man draußen im freien Leben ge­spielt hatte, hier galt man nichts, war ein Stein unter Steinen und verstieß gegen den Gemeinschaftsgeist oder die Block­ordnung, falls man sich einmal dazu hinreißen ließ, die allein­gültige Meinung des Blockältesten oder seines Stellvertreters anzuzweifeln.

Nach Verlassen des Zugangsblockes kam ich auf den Block 23, Stubenältester des B- Flügels war der Häftling Arno Musch. Er haẞte alle Gebildeten und betrachtete es als einen Akt ausgleichender Gerechtigkeit, wenn er ihnen seine Überlegen­heit und Macht zeigen konnte. Er war nicht besser, als irgend­ein SS- Angehöriger, denn auch er hielt den Totschlag für das geeignetste Erziehungsmittel. Er verdächtigte Menschen, die ihm nicht paẞten, des Diebstahls und schlug sie mit einem Gummi­knüppel oder einem Stuhlbein tot. Er konnte sich das leisten, denn es war niemand da, der es ihm verboten hätte. Er hatte das Gesicht eines Teufels und trieb Unzucht mit jungen Polen .

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