drei Meter hohen Eichenpfahl hochgezogen. Berührte der durch seine Eigenlast herabsinkende Körper mit den Fußspitzen den Erdboden, so wurde er nochmals emporgewunden. Die physiologische Wirkung dieser Marter, den Schmerz, den dieses gewaltsame Hochreißen der Arme verursacht, zu schildern, ist unmöglich. Mein armer Freund Hubert gehörte im Winter 1942/43 einem Arbeitskommando an, gegen das der Vorwurf der Brandstiftung erhoben wurde. Es handelte sich dabei um den Brand der Unterkunftskammer, die auf Grund fortgesetzter Schiebereien und Diebstähle der SS mit einer nicht mehr zu verschleiernden Unterbilanz arbeitete, sodaẞ man den peinlichen Folgen einer drohenden Revision nur noch durch eine Vernichtung der Kammerbestände entgehen zu können glaubte. Da auf diese Weise der Bestand unkontrollierbar wurde und alles verschobene oder entwendete Gut auf das Abschreibungskonto gesetzt werden konnte, brannte die Kammer in der Nacht vom 13. auf 14. November 1943 programmmäßig ab und die Ehre der SS war gerettet. Natürlich mußten für den Brand Schuldige gefunden werden, und diese Schuldigen waren die in der Kammer beschäftigten Häftlinge. Da keiner die Schuld freiwillig auf sich nehmen wollte, entstand ein Zweifelsfall, und sämtliche Angehörigen des Häftlingskommandos kamen an den Pfahl. Fünfzehn völlig unschuldigen Menschen wurden auf die oben geschilderte Art die Arme ausgerenkt, die Muskeln zerrissen und weitere, sich oft erst später einstellende Leiden zugefügt. Als ich Hubert nach diesem Vorgang aufsuchte, sah ich nur ein zuckendes Bündel, einen an Leib und Seele gebrochenen Menschen vor mir, einen leichenblassen, zerquälten Menschen, in dessen Augen alles Licht erloschen war und der mit weh und wild über die Platte des Tisches geworfenen Armen von Konvulsionen geschüttelt wurde. Das war der Pfahl. Das Golgatha des Schutzhäftlings, Ausgeburt einer Phantasie, die im normalen Leben nur Kolportageromane erzeugt und die man einem Karl May übelnahm. Aber in dieser Übertreibung des Schrecklichen lag für die Welt das Unglaubwürdige. Ein intelligenterer SS- Mann sagte mir
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