die Leiche zu bilden, damit wir uns den Gefangenen, der fliehen wollte, genau ansehen könnten.
Wir sahen ihn an. Sahen ihn so lange an, bis der Herr Lagerführer wieder mit seinem dürren Finger winkte und die Leiche fortgetragen wurde.
Die ersten Lagerbilder, der lange düstere Zug müder Sargträger, der Leichengeruch, der Erschossene auf der Bahre, das Ganze hatte in seiner Trostlosigkeit etwas Unwirkliches, Schemenhaftes. Ich fragte mich, ist das wahr, wozu gehen die Menschen in die Schule, warum spielen Kinder und schließlich die Frage aller Fragen: Gott ! Was ist das für ein Gott? Wie ist das möglich?
Alle diese Fragen und Zweifel sind vielleicht töricht und unberechtigt. Aber der Mensch ist in solchen Situationen weder gelassen noch weise. Wie ein erschrecktes Tier versucht er, über seinen eigenen Schatten zu springen und es gibt in einem solchen Augenblick keine Kreatur auf der Welt, die ärmer daran wäre als er.
Wie auf einer Opernbühne verkündete gegen fünf Uhr Nachmittag ein Trompetensignal den Beginn des nächsten Aktes: den Einmarsch der Arbeitskommandos.
Etwa achttausend Häftlinge kehrten in Fünferkolonnen von ihren Arbeitsplätzen in das Lager zurück. Grauenerregende Gestalten befanden sich darunter. Ausgemergelt bis auf die Knochen, mit fahlen, zerknitterten Gesichtern, aus deren von einer krankhaften Schwärze umränderten Augen der Hunger blickte. Auch diese Menschen glichen in ihren meist viel zu weiten Zebrafetzen grotesken Gespenstern. Ihre Bewegungen hatten etwas Fahriges, Abgerissenes, als hingen ihre GliedmaBen an schnarrenden Drähten. Die plumpen Holzsohlen ihrer Schuhe klapperten auf dem Asphalt der Lagerstraße. Riesige Rollwagen, von Häftlingen gezogen, schwankten durch das Tor; Vorarbeiter kommandierten, SS - Leute schlenderten, die Zigarette schief im Mund, zwischen den sich auf dem weiten Platz verteilenden Blocks, es dauerte eine gute halbe Stunde, bis das Gittertor mit dem Spruch ,, Arbeit macht frei" sich hinter der
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