nicht gesprochen, als er uns die Verhältnisse wesentlich milder geschildert hatte, als sie in Wirklichkeit waren.
Von allen Städten, die wir auf unserer Fahrt in die Verbannung berührten, haben wir außer den Bahnhöfen und Polizeigefängnissen nichts gesehen. Auch nicht von Berlin , wo uns bald das hohe Eisengitter des Polizeipräsidiums von der Außenwelt trennte.
Alex! Die Zwingburg der reichshauptstädtischen Sicherheit! Ein massiver Backsteinkasten im erbärmlichen Zierstil der. achtziger Jahre, berühmt und berüchtigt, wie kaum ein anderes Gefängnis in Deutschland . Es war ein bedrückendes Gefühl, mit dem ich diese Zitadelle des Elends betrat, in dem ein Riesenheer von Beamten bei Tag und Nacht für Sicherheit sorgte. In dem hohen und nüchternen Raum, in dem unsere Aufnahme erfolgte, laborierte dieser Beamtentroß mit Stößen von Formularen und Strömen von Tinte. Es dauerte Stunden, bis unseren Personalien wieder einmal alle verwaltungstechnischen Weihen und Stempelzeremonien zuteil geworden waendren und wir, die wir ausgehungert und erschöpft waren, lich in eine jener schauderhaften Massenunterkünfte eingewiesen werden konnten, jene verließartigen Kellerräume, in denen fünfzig Menschen schon an Platzmangel litten, was nichts daran änderte, daß dreihundert darin unterkommen mußten.
Die Verhaftungswoge, die damals zu Beginn des Krieges über ganz Deutschland und die von Hitler okkupierten Gebiete hereingebrochen war, fing sich raumsprengend in den, bei aller Großzügigkeit der Planung, doch viel zu eng geratenen Unterkünften. Man hatte zwar die Mittel Tausende und Abertausende von Menschen dingfest zu machen, sie von ihren Familien zu trennen, aus ihrer Heimat zu vertreiben, von Gefängnis zu Gefängnis, von Lager zu Lager zu schleppen, aber es gebrach an Raum für alle diese Unglücklichen, Man mußte sie zusammenpferchen, wie man Tiere nicht zusammenpferchen würde. Unter völligem Verzicht auf die Anerkennung der primitivsten Menschenrechte, bewies die privilegierte
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