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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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Am Tage nach unserer Ankunft bekamen wir einen Zugang, einen Juden aus Jena namens Feuerstein. Jahrzehntelang war er Angestellter bei der Firma Zeiß gewesen. Zeugnisse, die er bei sich trug und nicht ohne Stolz herzeigte, legitimierten ihn als einen fleißigen und begabten Arbeiter. Er hatte sich ein kleines Vermögen erworben und war Besitzer eines Hauses in Jena . In dieses Haus mußte er im Jahre 1939 einen national­sozialistischen Funktionär als Mieter aufnehmen. Dem wollte es offenbar nicht in den Kopf, daß im Jahre 1939 und im Zauberreich Adolf Hitlers ein Jude noch Besitzer eines Hau­ses sein konnte, weshalb er auf Mittel sann, diesem ihm un­würdig erscheinenden Zustand ein Ende zu bereiten. Er denunzierte den Juden bei der Geheimen Staatspolizei unter dem Vorwand, Feuerstein habe ihm, dem führertreuen Ger­manen, verboten, die Hakenkreuzfahne zu hissen. So unsinnig diese Anschuldigung auch war- welcher Jude in Deutschland wäre so wahnwitzig gewesen, im Jahre 1939 ein solches Ver­bot auszusprechen der Gestapo genügte diese Angabe. Feuerstein wurde mit seiner Frau verhaftet; beide kamen ins Konzentrationslager, er nach Sachsenhausen, sie nach Ravens­ brück . Es ist kaum anzunehmen, daß sie die Freiheit wieder­gesehen haben.

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Wir verließen Weimar an einem hellen Frühlingsmorgen und erreichten gegen Abend Halle, wo wir im Polizeigefängnis übernachteten. Hier kamen wir mit einem Häftling aus Sachsenhausen in Berührung, der zu einer Gerichtsverhand­lung nach München fuhr und uns die erste Kunde über die Zustände und Verhältnisse im Lager brachte. Diese Mitteilun­gen waren wenig geeignet, unsere Zuversicht zu stärken. Aber der Mensch in seinem sträflichen Optimismus will mitunter nicht wahrhaben, was seinen Seelenfrieden bedroht, weshalb auch wir zu der Annahme neigten, daß der Mann entweder nicht die Wahrheit sprach oder zum mindesten übertrieb. Zwei Tage später mußte ich ihm Abbitte leisten; er hatte nicht übertrieben, und die Wahrheit hatte er nur insofern

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