unsere fröhlichen Sommerreisen angetreten. Von hier aus war ich unzählige Male bald dahin, bald dorthin gefahren. Wer mit dem Herzen reist, wird mich verstehen und begreifen, wie mir zumute war, als ich an jenem Aprilmorgen versuchte, mir noch einmal das Bild einer Stadt einzuprägen, die vier Jahrzehnte lang meine Heimat war und von der ich damals nicht ahnen konnte, daß ich sie erst fünf Jahre später als eine wüste Trümmerstätte wiedersehen würde.
ver
Der Gefangenenwagen der Polizei, in den man uns frachtete, enthielt eine Reihe von Zellen; in jeder von ihnen hatten zwei bis drei Menschen Platz. Das hoch gelegene und mit einem dichten Maschendraht versehene Fensterchen gestattete nur einen beschränkten Ausblick,
Über Freising , Landshut , Regensburg ging die Fahrt nach Hof, der letzten Stadt in Bayern . Hier erwartete uns eine Abteilung der Polizei, die uns an Handschellen nach dem Gefängnis der Stadt brachte. In einem ehemaligen Kloster, in kasemattenartigen Gewölben, die den primitivsten Begriffen von Hygiene Hohn sprachen, verbrachten wir die Nacht auf dem nackten Steinpflaster des Fußbodens. Stühle oder Hocker oder überhaupt irgendeine Sitzgelegenheit gab es nicht. Dafür gab es Kellerasseln und ähnliche flinke Insekten. Das Abendessen, das man uns in schmierigen Steinguttöpfen verabreichte, bestand aus einer graublauen Wassertunke, in der ein paar verdächtige Fleischfasern herumschwammen; das Brot war verschimmelt und nahezu ungenießbar. Doch verzehrte ich Suppe und Brot mit stupider Gleichgültigkeit. Ich hatte die Freiheit verloren, und das Glück, sie wieder zu erringen, war keine Sache der eigenen Entschlußkraft. Am folgenden Tag ging die Fahrt weiter nach Weimar . Auch hier lagen wir in einem Keller, einem feuchten Gelaẞ, das uns lediglich durch die Freundlichkeit des dortigen Polizeimeisters einigermaßen erträglich erschien. Zwei Tage lagen wir hier, untätig, dumpf dahindämmernd, im Dunkel hausend und immer tiefer hineingleitend in die Region des Ungewissen, Weglosen.
28


