keln von solchen Ausmaßen, wie sie nur bei einer völligen körperlichen Vernachlässigung entstehen können. Der Mann versicherte mir, daß sein Aussehen sich nicht sonderlich unterscheide vom Aussehen der meisten Schutzhäftlinge im KL Dachau und eröffnete mir damit Perspektiven, die mich nachdenklich stimmten.
Diese beiden Menschen, der Soldat und der Mann aus Dachau , wurden am folgenden Tage mit mir zusammen in eine neue Zelle gebracht, die sogenannte Transportzelle, von der uns der Schließer im Vertrauen mitteilte, daß in ihr der Stabschef Ernst Röhm , der ehemalige Intimus Hitlers , erschossen worden sei.
Auch hier war es eine bunte und durchaus nicht gleichwertige Gesellschaft, die in dieser Zelle auf den Abtransport nach einem der zahlreichen Konzentrationslager und Zuchthäuser wartete. Ein junger Kaufmann aus Königshütte in Ober schlesien ging gleich mir in die Verbannung nach Sachsenhausen. Er hatte nichts verbrochen, sondern lediglich versucht, dem Paradies Adolf Hitlers durch eine illegale Reise ins Ausland, nach Ungarn , zu entrinnen. Ein Agent der Sicherheitspolizei verhaftete ihn an der Grenze. Aus den bekannten, dürftigen Gründen, Verdacht staatsfeindlicher Gesinnung, wurde er in Schutzhaft genommen und nach sechsmonatiger Untersuchungshaft in das Lager verschickt. Der Abtransport aus dem Polizeigefängnis erfolgte in den frühen Morgenstunden des 12. April. Wir erhielten an der Pforte unsere Habseligkeiten zurück, bekamen Brot, Wurst und ein Stück Margarine als Marschverpflegung, und wurden im grünen Polizeikraftwagen nach dem Münchener Haupt bahnhof geschafft.
Es ist ein sehr merkwürdiges Gefühl, Stätten, die einem im Laufe des Lebens lieb und vertraut geworden sind, und dazu gehören für mich die Bahnhöfe, plötzlich aus dem engen Gesichtswinkel des Gefangenen, also eines nicht mehr am freien Genuß solcher Einrichtungen beteiligten Menschen, betrachten zu müssen. Von hier aus hatten wir als glückliche Kinder
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