feln. Ich weiß, daß Exzesse dieser Art nicht nur vorkamen, sondern in zahlreichen Fällen zur Regel gehörten. Wenn, wie in meinem Fall, man von solchen Mitteln keinen Gebrauch machte, so lag das nicht an einer besonders menschenfreundlichen Einstellung mir gegenüber, sondern ausschließlich in der Methode eines Ermittlungsverfahrens, die immer nur im Sinne der größeren Erfolgsaussichten zur Anwendung gelangte, wobei der eine auf eine freundliche, der andere auf eine entgegengesetzte Behandlung rechnen konnte. Moralische Bedenken spielten dabei keine Rolle. Man verfuhr nach den Grundsätzen der Zweck dienlichkeit, wobei man Menschen, deren Tod schon beschlossen war, mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit behandelte, während man andere, bei denen es sich vielleicht nur um Bagatellen handelte, halb zu Tode prügelte.
Meine Gefängnistage vergingen eintönig. Zweimal bekam ich Gesellschaft von anderen Opfern der Gestapo . Einmal einen jungen Flugzeugtechniker, den man der Sabotage bezichtigte, das andere Mal einen Baugeschäftsinhaber, dem man das Abhören ausländischer Sender zur Last legte. Mit ihnen spielte ich Schach , oder wir erzählten uns unsere Verhaftungsgeschichte. Einmal in der Woche gingen wir baden und zweimal in der Woche wurden wir rasiert in einer eigenen Friseurstube, wo ich zu meiner Überraschung einen alten Bekannten traf. Welche Gründe zu seiner Verhaftung geführt hatten und welches Schicksal ihn erwartete, konnte ich damals nicht erfahren, da jede Unterhaltung zwischen den Gefangenen verboten war. Wir mußten uns also mit einem Händedruck begnügen und ein paar rasch geflüsterten Worten, denen ich entnahm, daß er seit vier Monaten die Gastfreundschaft dieses Hauses genoẞ.
Unter diesen für mich verhältnismäßig erträglichen Lebensbedingungen verliefen die ersten drei Wochen. Ich gab mich schon der naiven Hoffnung hin, es könnte so bleiben und man würde mich in meiner Zelle in der Brienner Straße die mir zugedachte Zeit absitzen lassen.
Jedoch war ich verschiedene Male von Herrn Grimm und
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