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Das wahre Gesicht Hitler-Deutschlands : Häftling Nr. 59 000 erzählt von dem Schicksal der 10 000 Juden aus Baden, aus der Pfalz und aus dem Saargebiet in den Höllen von Dachau, Gurs-Drancy, Auschwitz, Jawischowitz, Buchenwald / Rolf Weinstock
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Die Zeit des ewigen Hungers war mit dem Einzug der alliierten Streit- kräfte vorüber. Wir erhielten in den ersten Tagen Margarine und Brot in einer Menge geliefert, die uns ermöglichte, dick beschmierte Brote zu essen.

Ich gedachte in diesen Tagen auch wieder meiner schweren Arbeit in den Gruben von Jawischowitz, wo ich vor Hunger kaum mehr arbeiten konnte. Wie sehr hatte ich es damals gewünscht, einmal so viel Suppe essen zu dür- fen, wie ich wollte, bis ich satt sei. Jetzt war es möglich. Jetzt war ich wieder satt, Es waren Träume aus den dunkelsten Zeiten des Lagerlebens, die mich quälten.

Die von den Amerikanern erbeuteten Lebensmittelmagazine standen uns zur Verfügung. Lastwagen auf Lastwagen rollte durch die Tore des befreiten Buchenwald . In der Küche war ein Hochbetrieb, wie noch nie.

Die dort tätigen ehemaligen Häftlinge trugen weiße Anzüge, Mit großer Freude standen sie hinter den Kesseln, feuerten, rührten und versuchten, den Kameraden ein gutes Essen zu bereiten. Jetzt waren es unsere Kame- raden, die in weißen Schürzen hier ein und aus gingen und nicht mehr die mit Revolvern bewaffneten SS.-Bestien, die brüllten, traten und schlugen. Die Küche und die anderen Einrichtungen des Lagers wurden häufig von den amerikanischen Soldaten besichtigt.

Mehr als sonst verkündete der Lautsprecher:Achtung, Achtung! Essen abholen! In fünf Sprachen wurden diese Meldungen durchgegeben. Nach dem Aufruf eilten die Blockältesten mit ihren Körben in die Küche.

Nach den Tagen der langen Trauer und des nicht endenwollenden Leidens war es uns, als sei jetzt ein ständiger Feiertag. Margarine, Butter, Brot, Wurst, Suppe, Fleisch und sogar Schokolade und Keks kam in großen Mengen an. Wir brauchten uns nicht mehr um einen Löffel Suppe oder um das gröhere Stück Brot zu streiten. Diese Tage gehörten der Vergangenheit an.

Wie eigenartig uns die SS.-Bestien bei der Verteilung der Lebensmittel- vorräte bedacht hatten, möge folgendes erhellen: Einige Tage, bevor die erste Verschleppung aus diesem Lager kurz vor Eintreffen der Amerikaner begann, gab es im Lager nur verschimmeltes Brot. Die SS. af frisches Brot, wir Häftlinge zu jener Zeit aber mußten das verschimmelte Brot essen, weil ja dieZufuhr abgesperrt" war. In Wahrheit fanden wir in einem Magazin des Lagers 5 000 Laib Brot vor, die allerdings bei ihrem Auffinden, es waren ja bereits seit der Einlieferung dieser Brote wiederum mehrere Tage ver- gangen, auch schon zu schimmeln begannen. Wäre dieses Brot zur richtigen Zeit ausgegeben worden, dann hätten unsere Rationen nicht verkürzt zu wer- den brauchen, Tausende von Flaschen Wein wurden vorgefunden. Meist war es alter Wein, der schon jahrelang gelagert hatte, Reis, Hülsenfrüchte und noch andere Lebensmittel fand man in großen Mengen vor.

Die Frage der Fleischbelieferung war im Lager selbst gelöst worden, denn von der Lagerverwaltung wurden 700 Schweine gemästet. Es wurden aufßer- dem noch 1200 Kaninchen vorgefunden.

Tagelang mußten die erkrankten ehemaligen Häftlinge mit stinkenden Verbänden über eitrigen Wunden herumlaufen, weil, wie die SS. -Aerzte und das Sanitätspersonal mitgeteilt hatten, Verbandsmaterial nicht vorhanden sei. Auch darin hatte die SS. uns belogen und betrogen und nur zum Ster- ben von zahlreichen Häftlingen beigetragen. Außerhalb des Lagers befan- den sich in Magazinen große Mengen von Binden und sonstigem Verbands- material, welches den ehemaligen Häftlingen jetzt sofort bereitgestellt wurde.

Die Einrichtungen und Unterkünfte im Lager wurden in einen menschen- würdigen Zustand versetzt. Auch die beschädigte Wasserleitung wurde wie- der hergestellt, Die Schwerkranken wurden in die ehemalige neue SS.-Ka-

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