9. November 1938
Es war in einem kleinen Städtchen in der Rheinpfalz, an einem Tage, an dem der Himmel mit schwarzen Gewitterwolken bedeckt war. Die Nacht war schon hereingebrochen.
Wie immer, wenn meine Arbeit beendet war, setzte ich mich in das Zimmer meines Chefs, um in aller Ruhe und Stille Radiomusik zu hören. Tiefe Stille herrschte. Die Lampe war erloschen, und nur der schwache Schein der Skalabeleuchtung verriet schattenhaft die Umrisse der Möbel. Nach einiger Zeit begann es zu regnen. Und wieder eine Weile später plätscherte der Regen recht lebhaft auf die Dächer der umliegenden Häuser. Da empfand ich erst, wie gemütlich es im warmen Zimmer war. Nach ernster Musik folgten heitere Weisen. Ich lauschte... plötzlich aber brach die Musik ab. Einige Minuten war es still. Schon glaubte ich, an meinem Radioapparat sei etwas nicht in Ordnung. Ich stand auf und besah den Apparat von allen Seiten. Da erscholl plötzlich eine scharfe Stimme am Radio:" Wir schalten um nach Berlin . In wenigen Minuten hören Sie eine Sondermeldung." Schnell setzte ich mich wieder an meinen Platz. Ich war gespannt, was da folgen sollte... Nun ging es auch schon los:" Achtung, Achtung, wir bringen für alle deutschen Sender eine Sondermeldung.-- In Paris ist heute in der Deutschen Botschaft ein Attentat auf den Legationsraf von Rath ausgeführt worden, bei dem derselbe schwer verletzt wurde. Der Attentäter konnte verhaftet werden. Es handelt sich um den polnischen Juden Herschel Grinspan. Die deutsche Presse nimmt einmütig Stellung gegen dieses von jüdischer Mörderhand verübte Attentat und das ganze deutsche Volk gedenkt mit Abscheu und Ekel des Täters. Für diese ruchlose Tat müssen scharfe Maßnahmen gegen alle Juden im Reich gefordert werden. Weiter erklärt die deutsche Presse, daß nun ein für allemal Schluß gemacht werden müsse mit der Humanitätsduselei. Einer unserer besten Männer ist in treuer Pflichterfüllung für Führer und Volk durch jüdische Mörderhand lebensgefährlich verletzt worden.-- Die Sondermeldung ist beendet. Wir setzen unser Konzert aus Berlin fort.
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Wieder war es eine Weile still. Ich kann jetzt nicht mehr sagen, wie mir in jenem Augenblick zumute war. War ich erschreckt?... War es Angst, die mich plötzlich erfaßte? Ich weiß es nicht. Allerlei Gedanken gingen durch meinen Kopf. Eines aber wurde mir klar, wenn der Legationsraf von Rath seinen Verletzungen erliegen würde, dann müsse Ungeheuerliches passieren. Pressestimmen über Pressestimmen folgten. Der Ton verschärfte sich von Meldung zu Meldung.
Gegen zehn Uhr abends kam eine neue Meldung: Der durch jüdische Mörderhand schwer verletzte Legationsrat der Deutschen Botschaft in Paris befindet sich im Zustand der Lebensgefahr."
Ich hatte das Radio ausgeschaltet. Dann ging ich ins Bett. Ich wollte Ruhe finden, aber es war mir unmöglich. Immer und immer wieder gällten mir die Worte in den Ohren:„ Scharfe Maßnahmen gegen alle Juden im Reich müssen gefordert werden." Ich kannte die Nazis bereits und wußte, daß sie nie leere Drohungen ausgestoßen haben. Was würde nun kommen?
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