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Das wahre Gesicht Hitler-Deutschlands : Häftling Nr. 59 000 erzählt von dem Schicksal der 10 000 Juden aus Baden, aus der Pfalz und aus dem Saargebiet in den Höllen von Dachau, Gurs-Drancy, Auschwitz, Jawischowitz, Buchenwald / Rolf Weinstock
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die Gefahr machte Beschützer,

Jetzt stand der Blockführer hinter mir. Krampthaft klammerte ich die Hände um die Beine meines mich beschützenden Kameraden. Ich atmete kaum. Es war die Sekunde der größten Gefahr, Aber dann geschah ein Wunder.

mich iodesmufig. Und wie mir, so erging es meinem

Der Blockführer machte einen Schritt weiter, noch einen, und dann ging er schnell fort, die andern angetrefenen Blocks zu kontrollieren. Ich mubte weiter still sitzen. Aber die größte Gefahr war vorüber. Andauernd noch rannten die Blockführer wild umherstürmend vorüber. Zwei Stunden stan- den wir schon auf dem Appellplatz. Aber diese zwei Stunden haben zu den schlimmsten meines Lebens gezählt. Was waren gegen diese zwei Stunden die, die ich in den langen Jahren im kalten Winter auf dem Appellplatz stehen mußte?--- Schrei auf Schrei ertönte aus der Ferne herüber. Noch immer waren Schüsse zu vernehmen. Niemand zweifelte mehr an der Mas- senerschießung der Juden.

DasKleine Lager" wurde geleert. Kranke und gesunde Häftlinge trieb man unter furchtbaren Schlägen in die Hallen der DAW. Entsetzlich war es anzusehen, wie die Kranken zum Gehen gezwungen wurden.

Die Uhr zeigte bereits aut halb 10 Uhr und noch immer standen wir da. Ergriffen und erschüttert von den dramatischen Erlebnissen der letzten Stun- den. Beschienen von strahlender Sonne, heulte ganz plötzlich die Sirene auf, dieFliegeralarm verkündete.

Keine Heimat, kein Vaterland, keinen Block!

Die Sirenen waren verklungen. Nach den Stunden der Aengste und Ge- fahren sprang alles, ohne einen Befehl dazu abzuwarten, in die Blocks zu- rück. Auch ich rannte fort.--- Da,--- fiel mir ganz plötzlich ein:Ich habe ja gar keinen Block mehr!"--- In Buchenwald gibt es doch keine Juden mehr! Wenn ich aber nach meinem alten Block Nr. 28 zurückgegangen wäre, so hätte das eine große Gefahr bedeutet.--- Ich hätte mich ja dadurch als Jude bekannt, und dieses Bekenntnis wäre mein sicherer Tod gewesen.

Die Straßen leerten sich. Ich aber irrte umher. Ich haite nun keinen Block, keinZuhause mehr. Auch Essen konnte ich nicht mehr verlangen, denn ich war ja gar nicht mehr da, ich lebte ja gar nicht mehr.

Da fiel mir mit einem Male der alte Häftling ein, dem ich im Winter Holz gebracht hatte. Es war kein Häftling mehr auf der Straße, Schnell sprang ich nach dem Block 40, wo ich noch andere Juden traf, denen es wie mir ge- lungen war, dem Tode zu entgehen, die ein Engel geführt hatte,--- die sich gerettet haften. Schweigend gingen wir aneinander vorüber,

Der alte, in den 60er Jahren stehende Häftling saß in der Ecke des

Blocks, auf einer Bank, wie immer,--- immer arbeitend, immer denkend. Ich erzählte ihm, wie es mir ginge. Sofort antwortete er mir, daß ich, bis sich der Sturm gelegt habe, bei ihm bleiben könne,--- sofort nahm er mich

auf. Auch gab er mir sogleich ein Stück Brot, das er sich aufgespart hatte, Ich aber war glücklich, leicht und froh. Ich fühlte mich geborgen.---

Zwei Stunden waren vergangen. Wieder heulte die Sirene.--- Ent- warnung.--- Der Himmel war frei,

Jetzt aber quälten mich neue Gedanken. Was nun?--- Was tun, wenn eine neue Kontrolle durchgeführt wurde?--- Findet ein neuer Appell

sta? Welche Maßnahmen ergreift man jetzt?

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