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Das wahre Gesicht Hitler-Deutschlands : Häftling Nr. 59 000 erzählt von dem Schicksal der 10 000 Juden aus Baden, aus der Pfalz und aus dem Saargebiet in den Höllen von Dachau, Gurs-Drancy, Auschwitz, Jawischowitz, Buchenwald / Rolf Weinstock
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Nicht einer von den aufgerufenen 46 Häftlingen hatte sich am Lagertor gemeldet.

Zwei Stunden waren vergangen. Da ertönte abermals der Lautsprecher. Eine herrische Stimme fragte:Ja, wo stecken denn die 46 Häftlinge? Jetzt aber dalli im Laufschritt zum Tor!

Wieder verging eine Zeit. Nicht ein Häftling meldete sich. Wir befanden uns in einer eigenartigen Situation. Zum ersten Male wurde einer Anord- nung des Lagerführers Widerstand geleistet, wurde ihr zuwider gehandelt, Die Spannung erreichte ihren Höhepunkt, als sich der Lagerälteste zum Lagerführer begab, um denselben darauf hinzuweisen, daß er doch ver- sprochen hatte, niemand zu evakuieren.

Wir warteten auf die Rückkehr unseres Lagerältesten.--- Gespannt.--- Der Spruch machte uns mutig:Wer sich das Leben nicht erkämpft, ist das Leben nicht wert!

Als der Lagerälteste zurückkam, erzählte er uns, der Lagerführer habe ihm auf seine Erinnerung nervös hin- und herlaufend, gesagt, dak die Gestapo in Weimar diesofortige Auslieferung der 46 Häftlinge fordere, andernfalls wolle die Gestapo ihn erschießen.Bringen Sie mir sofort die 46 Häftlinge, so habe der Lagerführer gebrüllt,sonst lasse ich sie mit Waffengewalt holen!

Der Lagerälteste hatte daraufhin versprochen, nach den aufgerufenen Häftlingen suchen zu lassen. Die Bergungstrupps und der Lagerschutz er- hielten auch sofort den Befehl, zusuchen.

Eine weitere Stunde war vergangen. Noch immer hatte sich kein Häft- ling gemeldet. Da brüllte der Lagerführer durch den Lautsprecher:Wenn die 46 Häftlinge nicht binnen 15 Minuten am Lagertor sind, so lasse ich sie durch die SS. suchen!

Auch diese 15 Minuten waren vorüber. Wir schauten erwartungsvoll nach dem Lagertor. Jeden Augenblick mußte durch dieses Tor die SS. wie eine wilde Horde hereingestürzt kommen.--- Jeden Augenblick

Wir waren alle einig. Diese 46 Häftlinge waren die Besten, die Treuesten. Und sie sollten kurz vor der Befreiung ihr Leben lassen?--- Darum waren wir einig darin,--- sie durften nicht gefunden werden! Würden sie ge- funden, dann würden sie auch bestimmt erschossen. Das wuhten wir. Und so wollten wir unsere Kameradschaft beweisen und sie nicht finden.

Die Zeit verging. Die Nacht brach herein. Noch immer horchten wir auf. Noch immer schauten große Massen von Häftlingen nach dem Lagertor. Eine nervöse Stille herrschte, eineunheimliche Stille. Mit einem Male knackte es im Lautsprecher. Kurz darauf wurdeBlocksperre angeordnet.: Die Straßen und Plätze des Lagers leerten sich schnell, Alles eilte und

hastete in die Blöcke. Gerüchte schwirrten umher. Was nun?--- Wird man sie suchen?--- Wird man sie finden?--- Und was dann?--- Und welche Strafaktion wird durchgeführt?

Alles wartete auf die Maßnahmen der SS. --- Wir erwarteten denAn-

griff, Hungrig schauten wir aus den Fenstern. Brot hatte es nicht gegeben. Man hatte uns gesagt, die Straßen von und nach Apolda , woher das Brot geholt wurde, seien gesperrt, sie seien nur noch für Wehrmachtsangehörige passierbar.

Die Uhr verkündete die achte Stunde am Abend, Nichts war zu hören und zu sehen. Ruhe!--- Die Ruhe vor dem Sturm? Es war alles so unge- wöhnlich.--- Kein Fliegeralarm!--- Aus dem dunklen Himmel leuchteten die Sterne herab. Nach den Tagen des Lärmens bis in die tiefe Nacht hin- ein, war es außergewöhnlich still.

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