Appell und Exekutionen
In einem vorangegangenen Kapitel habe ich einmal gesagt, der Appell sei das tägliche Gebet des Lagers. Das konnte man vom Lager Auschwitz nicht sagen. Von einem„ Gebet", wenn man solche als Litaneien betrachtet, war keine Rede. Hier handelte es sich um tägliche Entscheidungen über Tod und Leben.
Nicht nur einzelne Häftlinge verwirkten hier täglich ihr Leben, nein, ganze Kommandos waren plötzlich verschwunden. Nur der„ Capo" war geblieben. Er erhielt neue Häftlinge zugewiesen. Und damit war die Sache abgetan. Wahllos suchten die Lagerführer die Todeskandidaten heraus. Mit„ besonderer Liebe" half Josef Kramer dabei mit. Wenn ihm auffiel, daß sich ein so schoß er ihn auf der Häftling zurückdrängen wollte,-- verstecken,- Stelle nieder.
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Fiel ein Häftling wegen besonderer Abmagerung auf, so wurde er herausgestellt. Dann wurden die übrigen Häftlinge mit dem elenden Häftling verglichen, und jeder, der diesem glich, mußte sich dazustellen.
In wenigen Minuten standen Hunderte" zusammen, sie marschierten ab, und wir sahen sie niemals wieder.
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Die starken Häftlinge dagegen hatten Aussicht, zum Himmelskommando" kommandiert zu werden. Dieses aber wurde wiederum, wie schon gesagt, alle 4 bis 6 Wochen neu" aufgestellt.
So bestanden für alle Häftlinge, ob schwach oder stark, täglich Aussichten, ,, a us" dem Leben befördert zu werden.-- Exekutiert zu werden.
Die Methoden der SS. und ihrer Trabanten waren so abwegig von aller Norm, daß ich gern glaube, ein Außenstehender hält entweder die ausführenden Bestien, oder mich als Schilderer der Wahrheit, für wahnsinnig.-- Ja, ich kann es verstehen.-- Dieser Teil des zwanzigsten Jahrhunderts muß als die Zeit der gemeinsten Greueltaten in die Weltgeschichte eingehen, und sollten meine Ausführungen dazu beitragen, die Wahrheit aufzudecken, so würde ich mich glücklich fühlen. Und ich würde gern alle erlittenen Qualen, alle gesehenen Scheußlichkeiten damit überdecken.
Wie die Wissenschaft im bisher verlaufenen zwanzigsten Jahrhundert Unvorstellbares geleistet hat, so aber auch waren den sadistischen Hirnen der Nazis unausdenkbare Grausamkeiten entsprungen, Scheußlichkeiten, wie sie von einfachen Menschen nicht verstanden werden können, daß-- so etwas überhaupt möglich sein kann.
Die Abendappelle waren die Sensation des Tages". Sie waren die Höhepunkte des Tagesprogrammes. Erschießungen fanden hierbei nur wenige statt, denn einmal waren die Häftlinge keine Kugel wert, und zum anderen boten die erschossenen Häftlinge ja kein Theater. Sie fielen um und waren tot.-- Man wollte doch aber sein Vergnügen haben und uns Vergnügen bieten.
Eine zeitlang wurde täglich aufgehängt", so daß wir auch hieran gewöhnt wurden.
Ich schreibe das so ruhig, und die erschütterten Leser werden meine ruhigen Worte als Roheit bezeichnen, werden sagen, ich sei gefühllos.
Ach, liebe Leser, ich habe viel zu viel Gefühl, ich bin von meiner Niederschrift häufig so erschüttert, daß ich mich" tot" fühle, daß ich mich ekle. Glaubt mir nur, ich bin genau so Mensch, wie Ihr auch. Aber dennoch, es muß geschrieben werden, die Nachwelt muß vor Wiederholungen solcher Bestien geschützt werden. Die ganze Welt,-- die Menschheit muß es wissen.
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