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Das wahre Gesicht Hitler-Deutschlands : Häftling Nr. 59 000 erzählt von dem Schicksal der 10 000 Juden aus Baden, aus der Pfalz und aus dem Saargebiet in den Höllen von Dachau, Gurs-Drancy, Auschwitz, Jawischowitz, Buchenwald / Rolf Weinstock
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Lager wären, da hatte sich ihr frisches Gesicht verfärbt. Stumm betrachtete sie mich einen Augenblick und dann forderte sie mich auf, mit zu ihren Eltern zu gehen. Langsam erzählend gingen wir dahin. Die uns begegnen­den Menschen blieben neugierig stehen. Doch das junge Mädchen führte mich an ihnen vorüber. Sie sagte nur das eine Wort: Campo!"-- Lager! Als wir die Mitte des Dorfes erreicht hatten, deutete sie auf ein fünf Meter von der Kirche entfernt stehendes großes Bauernhaus und sagte: Das ist unser Haus." Etwas beklommen stieg ich die wenigen zur Haustür führen­den Stufen hinan und hatte wieder ein Gefühl, als wenn ich der Erde ent­rückt wäre. Einen Augenblick darauf befand ich mich in einem einfach ein­gerichteten Zimmer, dessen Wände, Stühle und Tische blau- weiß gestrichen waren. Das ganze Zimmer duftete nach Sauberkeit. Um ein offenes Feuer stand eine Bank, an einem Nagel hing der Blasebalg, um die Glut immer wieder von neuem entfachen zu können.-- Wie ein Märchen". Wäh­rend ich noch im Zimmer umherblickte,-- das junge Mädchen hatte mich ,, einen Moment" allein gelassen,-- und dieses einfache aber freundliche und helle Zimmer mit unseren dumpfen und schmutzigen Lagerbaracken verglich, öffnete sich die Tür, und das Mädchen trat mit Vater und Mutter ein. Freudig und mit entsprechendem Hinweis forderte mich die Mutter auf, am Feuer Platz zu nehmen. Der alte Mann aber musterte mich erst von Kopf bis Fuf, bis auch er Platz nahm. Dann aber erzählte ich mein Schicksal.-- Langsam und stockend, nach Worten suchend. Alle hörten aufmerksam zu und ergänzten meinen Bericht, wenn ich mein Wörterbuch zu Hilfe nehmen wollte. Nachdem ich meinen Schicksalsbericht beendet hatte, herrschte einen Augenblick fiefes Schweigen. Dann aber begann der Alte zu schimpfen. Ich erschrak. Er schimpfte laut auf Hitler und seine Banditen.-- Er schimpfte lauf. Das war ich nicht gewöhnt. Jahrelang hatten wir unsere" Meinung nur im Flüsterton von uns geben können. Unwillkürlich hatte ich mich wohl ängstlich umgeschaut. Der Alte lachte darüber. Hier ist keine Gestapo !" sagte er und fuhr fort:" Wenn der Krieg nur bald zu Ende wäre!" Ich freute mich, daß ich meinem Herzen Luft machen konnte. Es war so schön, einmal unverblümt sagen zu dürfen, was das Herz so lange be­drückt hatte.

In einer Pause meiner weiteren Erzählung drang auf einmal aus der ge­genüberliegenden dunklen Zimmerecke eine tiefe Stimme. Es war die Stimme des alten Großvaters, der dort drüben pfeiferauchend in einem großen Lehnstuhl saf. Ich hatte ihn nicht gesehen. Ich war von dem ins Zimmer hereinflutenden Sonnenlicht geblendet worden.

"

" Hitler muß den Krieg verlieren, mein Junge", sagte er, denn das him­melschreiende Unrecht und das ganze heraufbeschworene Elend müssen zum Untergang führen."

Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile, dann aber erhielt ich ein gutes Mittagessen. Und Wein dazu. Es fiel mir nicht leicht, die angebotene Menge zu vertilgen, denn ich war nichts mehr gewöhnt. Wie würde mein Körper auf das Fett reagieren? Und bei dieser Frage, die ich mir stellte, kamen mir die Worte in Erinnerung: Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen!"

Nachdem ich gegessen und nachdem meine Tasche mit Gemüse und an­deren Sachen vollgestopft war, brachte mich das junge Mädchen noch bis zum Dorfausgang. Die alten Leute standen in der Haustür. Ich schaute mich mehrmals um und sagte immer wieder: Ich danke auch schön!"

Mein Gefühl am frühen Morgen, ich würde einen ereignisreichen Tag verbringen, hatte mich nicht betrogen.

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