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ACHTES KAPITEL
Das selbstverständliche Recht eines Angeklagten ist es, sich schnellstens und ausreichend verteidigen zu dürfen. Im Hitler- staat gibt es dieses nicht. Rolf ist nun bereits über sechs Monate in Untersuchungshaft. Er schreibt sich die Finger wund, richtet Eingaben an die Oberstaatsanwaltschaft und das zuständige Sonder- gericht mit der Bitte um Beschleunigung seiner Angelegenheit, er gibt Referenzen an, damit man sich ein Bild über seine sonstige Haltung machen ne ‚Keine der amtlichen‘ Stellen antwortet. Schreiben an ihm bekannte Persönlichkeiten und gute Freunde
kommen nicht an, ja selbst Einschreibbriefe gehen'mit ungezählten Briefen„verloren“.
Monatelang bleiben die Angehörigen Bergers ohne Nachricht über den Verbleib seiner Person. Rolf könnte Bücher schreiben, wollte er alle dieSchikanen aufführen, die sich täglich aneinander- reihen, ganz zu schweigen von den persönlichen Verstößen ge- wisser, Beamten gegen die sogenannten Vorschriften, die nach, außen einigermaßen den Anschein eines klaren Rechts vortäuschen. Pakete werden'häufig ohne Hinzuziehung der Empfänger geöffnet und mancher Beamte verfügt über den Inhalt nach Gutdünken gegen den Willen oder Einspruch der rechtmäßigen Besitzer oder ohne deren Wissen. Große Mengen leerer Zigarettenschachteln finden die„Hauser!“ beim Putzen in den Zimmern der Beamten, auf denen Grüße und Zeichen stehen, die eindeutig diesen oder jenen Gefangenen als Empfänger ausweisen. Proteste und Mel- dungen zum„Rapport“ werden unterbunden oder hintertrieben, Briefschaften, selbst an die Rechtsverteidigung, kommen teilweise
nicht an, oder erst, nach vielen Wochen. Die Gehässigkeit geht
sogar soweit, daß Beamte den Gefangenen die Leberwurst von zugesandten Butterbroten kratzen!-
Das ist alles nationalsozialistisches Recht!— Rolfs Schwester, die ihren Bruder— von Krakau kommend— besuchen will, macht ihre Fahrt vergeblich, weil man ihr derartige Schwierigkeiten in den Weg legt, daß sie mutlos und weinend die Anstalt wieder verläßt.
Um welche Verstöße man in dieser Zeit die Menschen aus ihrem
- Schaffen, ihrer Familie, ihrer Existenz und Freiheit reißt, ist oft
unglaublich. Da spricht Berger den Schmiedehandwerker Zehetner aus K., Vater von mehreren kleinen Kindern und Gatte einer unversorgten, kranken Frau. Er hat aus purer Neugierde sein


