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Im Machtbereich der Gestapo : Erlebnis-Roman ; der Wirklichkeit nacherzählt / Paul Frenk
Entstehung
Seite
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Wir hängen den eigenen Gedanken nach, denken an das Geschick, das uns der Weltkrieg selbst oder die Folgezeit brachte, denken an die ,, Notwendigkeit" und versuchen uns die Frage des Warum" zu beant­worten, wobei wir unsere Unzulänglichkeit erkennen und höchstens zu nationalen Phrasen kommen. Wir denken daran, daß auch auf der Gegenseite mit gleich- großem Einsatz und gleicher Opferbereitschaft gekämpft wurde, daß dort wie hier Männer und Jungen in Begeisterung oder Resignation, in Liebe, Opferbereitschaft oder Unverständnis, einem eisernen Muß und einer staatlichen Gewalt dem Schicksal folgten. Hier, wie auf der anderen Seite, standen Männer aus allen Schichten und glaubten oder folgten den von ihren Staatsmännern aufgezeigten Idealen, kämpften für ihr angebliches Volkstum, für ihre ,, bedrohte Kultur", oder die gleichen Gründe, die unseren deutschen Menschen die Waffen in die Hände zwangen...

Es ist billig und zeugt von einer Spekulation auf die große Denk­faulbeit, wenn man diese Kernfragen mit chauvinistischen Begründun­gen oder nationalen Redensarten abtut, ohne eine Kritik zu dulden oder chrlich und suchend in die Tiefe dieses Menschendramas zu dringen. Die Menschheit ist durch Zeit und Entwicklung, durch Leid, Erkenntnis und geschichtlicher Wiederholung einer Mutation unterworfen und die Zeit kommt je früher desto besser da die Verfechter des Menschen­rechtes die des Staatsrechtes zur Strecke bringen werden...!"

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Ursula hat mit großer Inbrunst diese Zeilen verschlungen, hat sich in diese farbigen Bilder hineingedacht. Sie hat oft ihre Hand auf ihr pochendes Herz gelegt und die Tränen zurückgedrängt, die zu ihrem eigenen Kummer in ihr die Schwere dieses Menschen­dramas auslöste. Sie liest seine Begleitbriefe, aus denen hervor­geht, daß die Zeitungen die letzten Abschnitte über die Lehren und die Konsequenzen aus militärischen Tendenzen gestrichen haben und seine Befürchtung, daß diese Haltung der gelenkten' Presse dem Volk einst ein böses Erwachen bereiten würde. Sie denkt an seine dunklen Ahnungen, an seine Skepsis besonders in Bezug auf die politische Zukunft, tröstete sich aber mit der Hoff­nung, daß er wohl viel zu schwarz sehen würde.

Sie lebt nur in dem einen Gedanken, frei von jeglicher Bindung zu sein, um irgendeinen Weg an seiner Seite für das Leben zu finden. So löst sie die Verbindung, organisiert den Heimtransport ihrer Möbel und Sachen aus dem Hause ihrer Verwandten in das Elternhaus in die ländlich- schöne Stadt im Westen.

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Monate sind vergangen und wieder ist es Sommer geworden. Trennung und Entfernungen haben nichts an den Gefühlen der

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