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Das Wort der Verfolgten : Anthologie eines Jahrhunderts / herausgegeben von Bruno Kaiser
Entstehung
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rüttelt, wenn er sie zu sprengen versucht, wenn er noch mit der eisenbeschwerten Faust das Haupt seines Unter­drückers bedroht. Doch wenn der Sklave sich in seinen Ketten wohl fühlt, wenn er sich seiner Fesseln rühmt, dann ist er ein Knecht, ein geborener Sklave. Wehe über ihn! Und dreimal wehe über den, der ihn zum Sklaven ge­zogen!

Und ach! In dem Deutschlande von heute leben Tau­sende bevorzugter Sklaven, die sich in ihrer Sklaverei wohl fühlen, die sich ihrer Ketten rühmen, die sie leugnen...

Ihr, die ihr euch in Deutschland frei wähnt, weil ihr an Sklaverei gewöhnt, wagt es auch nur, die Freiheit des Gedankens, das Recht der Menschen zu verlangen, und ihr werdet die Geißel kennenlernen!

Ihr, die ihr in Deutschland keine Sklaven zu sein be­hauptet, wagt es, die Freiheit der Rede, das von der Gott­heit dem Menschen aufgedrückte Siegel zu fordern, und der Zuchtmeister wird euch sein ,, Sklave schweig!" zu­rufen, er wird euch mit seiner Zuchtrute zeichnen, und wenn ihr Mut genug habt, dann noch zu sprechen, so werden Kerkermauern eure Rede verstummen machen! Und ihr nennt euch frei!

Entwürdigt nicht den heiligen Namen der Freiheit, die ihr nicht das Recht habt, einen Gedanken zu hegen, ein Wort zu sprechen, das nicht vorher gebilligt und geneh­migt ist!...

Aber ich frage wieder:

Wer ist jener Mensch, der ungestraft um seiner Eigen­sucht willen ein Volk zur Schlachtbank führen darf?

Wer ist jener Mensch, der mit einem Federzuge das Un­glück von Millionen machen darf?

Er ist ein Fürst, ein Sklavenherr über Millionen Sklaven. Und ihr nennt euch frei! Entwürdigt nicht den heiligen

Namen!...

Und sie sprechen von dem Blute, das in Frankreich für die Freiheit floß!... Eine einzige Schlacht zählt mehr

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