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Das Wort der Verfolgten : Anthologie eines Jahrhunderts / herausgegeben von Bruno Kaiser
Entstehung
Seite
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JAKOB VENEDEY

Paris , 1834

Deutschland

Ich will von Deutschland reden!- Still, du pochendes Herz, zurück, ihr Tränen des Zorns, zurück, ihr Tränen des zerreißenden Kummers!

Ich will von Deutschland reden!- Es gab eine Zeit, wo man stolz sein durfte, ein Deutscher zu sein; es gab eine Zeit, wo der Name Deutschland mit Ehrfurcht genannt wurde. Die Geschichte erzählt von dieser Zeit, Knaben wir Männer lesen davon in den Geschichtsbüchern Roms dürfen daran nicht denken, wenn nicht Scham uns nieder­drücken, wenn nicht Zorn uns das Herz im Busen sprengen soll...

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Ich will von Deutschland reden, von jenem Deutsch­lande, das heute O! daß ich von heute sprechen muß! Aber ich will reden; weil Schweigen das Machtgebot der Feinde der Freiheit, der Feinde Deutschlands ; weil Schweigen nur das Vorrecht des Sklaven; weil die Wahr­heit, einmal ausgesprochen, unbesiegbar ist...

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Dreißig Millionen Menschen leben in Deutschland , acht­undzwanzig Millionen von diesen Bauern, Knechte, arbeiten Tagelöhner, Handwerker und sonstige Sklaven jahraus jahrein, ohne am Ende des Jahres einen einzigen Rasttag gehabt zu haben, ohne oft einen einzigen Tag gehabt zu haben, an dem sie sich satt gegessen. Von den noch übrigen zwei Millionen sind drei Viertel die ,, bevor­zugten Sklaven", denen man nicht alles nimmt, die man oft selbst beschenkt und bevorteilt, um sie gegen ihre Mit­brüder zu deren Unterdrückung gebrauchen zu können; die man in Überfluß leben läßt, damit ihr Jubelruf das Jammern und die Wehklagen der übrigen übertäube...

Aber Sklave sein ist keine Schande; der Gefesselte kann in Ketten frei sein, wenn er wie der Pole an seinen Fesseln

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