23. Jannar
Die Literatur vergeht, sie gebiert keine Worte, die nicht vergehen. Auch die Berühmtesten ha- ben ihre Grenzen, wo ihre Wirkung einmal zer- fällt. Was ist uns Hekuba? Was wäre uns gar Hekuba ohne Shakespeare, der uns das Wort, den Namen noch um einige Jahrhunderte ver- längert hat? Aber die Zeit wird kommen, da den Menschen auch Hamlet, so viel wie Hekuba ’sein
wird.»Was ist uns Hamlet?« wird. dann viel-°
leicht einer ausrufen. Und nur ein ganz gelehrter Philologe wird vielleicht dahinterkommen, was denn. eigentlich damit gemeint ist, und seine Freude haben, daß er sie doch verstanden hat.
Absolutes Schweigen vor dem, was ich mit dem
besten Willen nicht verstehe, sagt mir mehr zu als halbe, gezwungene Erklärungen, die einen bit- teren Geschmack in meinem Geiste zurücklassen. Man sagt so leichthin, Gott lasse das Böse zu - und ach, welch ein Böses!-, um Besseres daraus zu machen. Ich gestehe, daß ich das wohl ver- stehe, aber daß es mich niemals völlig befriedigt hat. Darum schweige ich hier lieber im Abgrund meiner Unwissenheit und bete an. Mit einer ge- wissen Scheu nur sehe ich mir jenes berühmte Paradox der felix culpa an. Es war buchstäblich nur durch den»Erfolg« möglich. Man kann sich doch wohl nicht vorstellen, daß man dem Adam vor der Begehung der entscheidenden Sünde hätte zuraunen können:»Nur zu! Die Schuld wird dir ein größeres Glück bringen, als du zuvor hattest.«
Der Prophet ist Scher und Sager, er ist nicht
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