-
nachdem man zuvor eine natürliche Trägheit und Zerstreutheit überwunden hat denn in dem Zustand des Sichgehenlassens darf man allerdings nie schreiben. Die Sprache heute ist in einem Zustande, der vom Schreibenden die äußerste Wachsamkeit verlangt, daß er selber ihm nicht zum Opfer falle. Das war nicht immer so und braucht auch in späteren Zeiten einmal nicht immer so zu sein.
Der persönliche und gute Stil eines Schriftstellers ist die oft durch große Kunst erreichte- natürliche Einheit zweier Naturen: der Natur des Schriftstellers und der Natur der jeweiligen Sprache, in der er schreibt. Denn diese beiden Naturen sind nicht identisch, und die Einheit ist meist nur durch gegenseitige Kompromisse zu erreichen. Es kann einer einen originell persönlichen Stil schreiben, der, von der Sprache aus gesehen, schlecht ist, weil er die Natur der Sprache, in der er schreibt, im allgemeinen und im besonderen vergewaltigt, und ein braver Schüler kann einen» guten Stil schreiben, ohne etwas Persönliches zu verraten, das er gar nicht hat. Der große Schriftsteller ist aber der, in dessen Stil beide Naturen eine Einheit geworden sind, die wieder auseinanderzulegen keinem mehr möglich ist.
6. Januar
Da darüber kein Zweifel möglich ist, daß das Leiden der vollkommenste Weg zu allem höheren Sein ist und in gewissen Fällen eigentlich überhaupt der einzige, kann man es verstehen, daß es, wenigstens für diese Welt, von manchen zum Zweck und Ziel gemacht wird, während es ewig
264


