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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
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jektivität für ich- bezogenes Bewußtsein, aber bei­des entspricht nicht dem wirklichen Sachverhalt. Unbewußte Gefühle haben die große Philosophie schon deshalb nicht ernstlich beschäftigt, weil sie um die Gefühle selber, auch die bewußten, sich nicht ernstlich bekümmert hat. Dichter freilich und die großen psychologischen Romanciers ha­ben uns schon lange von unbewußtem Fühlen und unbewußten Gefühlen erzählt. Ja, es ist in der Tat so, daß nicht unser Wollen, geschweige denn unser Denken, uns so verborgen sein kann, so im Unbewußten wirken und unser Leben be­stimmen kann wie unser Fühlen.

5. Januar

Mitternacht. Die Italiener haben in Bardia die Flagge gestrichen. Warum habe ich ein Gefühl der Genugtuung? Ist das in Ordnung? Habe ich dieses Gefühl, weil ich glaube, daß Gott endlich eingegriffen hat? Daß seine Mühlen mahlen? Daß Häuser der Sünde nach wie vor auf Sand gebaut sind? Habe ich ein gutes Gewissen? Ist mein Ge­fühl frei von privaten Wünschen, von Schaden­freude, von Antipathien und Sympathien, sine ira et studio? Oder ist das nicht einfach eine müßige und kleinliche Frage? Wie denn? Gibt es nicht einen heiligen Zorn, ja, einen heiligen Haß?

Es ist für den Glauben des Christen darüber kein Zweifel, daß die erste Empörung eine absolut böse Tat war: Sie richtete sich gegen Gott, der gut ist. Diese Empörung ist ohne Reue und ohne Versöhnung. Diese Empörung ist ein Akt der Freiheit ursprünglich guter gut erschaffener- Wesen. Das ist ein völlig unbegreifliches My­

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