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‚U-
chen, verschleißen zu lassen. Der grauenvolle
Amokläufer dieser Tage hätte im Anfang leicht
‚ unschädlich gemacht werden können, jetzt ist es
nur noch dadurch möglich, daß er sich selber auf-
reibt. Das wird ganz gewiß gelingen.
Die Regel ist die Verschleißung der geistigen Kräfte des Menschen durch seinen Leib und seine regelwidrigen Ansprüche und seine Vorherrschaft. Dieses Schauspiel ist recht traurig. Die Ausnahme ist das Wachsen des Geistes auf Kosten des Lei- bes, der verzehrt wird. Auch das ist ein Schau- spiel verletzten Maßes, aber es ist ein großartiges, erhebendes, ja beruhigendes, tröstendes Schau- spiel. Unter den historischen Beispielen, die zu verfolgen sind, ist für mich das gewaltigste Kierkegaard. Sein Körper wurde schwächer und schwächer, es war am Schluß einfach keine kör- perlihe Kraft mehr da. Aber eine geistige Er- müdung? Davon ist bis zum letzten Wort, das er geschrieben oder gesprochen hat, keine Spur zu spüren. Wer selber eine Ahnung vom Schrei- ben hat, der ist, rein als Schriftsteller, fasziniert von den Variationen ein und desselben Themas im»Augenblick«. Eine jede springt frisch, stark, neu, nackt und wohlproportionierten Leibes aus dem Kopfe des Autors. Das ist, daß einem das Herz klopft. In den Tagebüchern Kierkegaards , die sich über nahezu zwanzig Jahre erstrecken, findet sich keine einzige Wiederholung außer einer, aber das weiß er und sagt es selber. Be- denkt man, daß er gegen Schluß nur ein einziges Thema hatte, bedenkt man dazu seine ungeheure Produktion während vieler Jahre, so ist diese Ge- dächtniskraft für sich schon großartig und eigent-
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