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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
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Tyrannen müssen eine leicht verständliche Sprache und Literatur wünschen, denn nichts schwächt das Denken mehr als sie, und ein geschwächtes Den­ken brauchen sie als stärkste Unterstützung ihrer Gewalt. Wenn das Ideal und das Gebot ist, leicht verständlich zu schreiben, ist jeder, der schwer verständlich schreibt, eo ipso verdächtig.

Wenn der Satzbau abgeschafft wird, wird auch der einzelne Satz zerstört werden.

Um die Frage: Was ist der Mensch? zu beant­worten, muß man natürlich alles sagen, was er wirklich ist und wirklich hat, und es in der rich­tigen Ordnung sagen. Aber ein großes Hilfsmittel dazu ist es, herauszufinden, was im Universum nur er hat und etwa das Tier oder der Engel nicht. Dazu gehört zum Beispiel der Glaube, das Lachen und die Tränen.

Wenn man auf seiten der siegenden Partei ist, ist man, besonders in einem rationalistischen Zeit­alter, leicht geneigt, zu glauben, der Lauf der Dinge und Ereignisse richte sich nach der Berech­nung der Menschen, aber man vergißt, daß die andere, unterliegende Partei auch gerechnet hat, ohne daß ihre Rechnung stimmte. Und dann, wenn man die Geschichte überblickt hat sie sich denn jemals nach der Berechnung der Menschen gerichtet? Soll das heute anders sein?

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In solchen Zeiten wie heute heißt in der Hand Gottes sein: daß man nicht verzweifelt. Aber, fragt man, gibt es denn überhaupt Menschen, die verzweifeln oder in Gefahr sind, zu verzweifeln?

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