Druckschrift 
Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
Entstehung
Seite
145
Einzelbild herunterladen
  

.

these, sondern nun die These aufzustellen, daß all unser Erkennen auf Hypothesen, auf einem Als- Ob beruhe. Man merkt es sofort, wenn man statt »A ist A« gleich sagt:»es ist, als ob A gleich A sei.« Das ist absurd. In allem echten Wesenswissen hat das Als-Ob wenig Sinn. Es ist aber nicht so mit allen Daseinsfragen. Es ist nicht sinnlos, zu sagen:»Es ist, als ob Gott wäre«; oder:»Es: ist, als ob Gott nicht wäre.«

Einmal ist Ibsen ein großer europäischer Prophet gewesen mit leiser Stimme, verborgen, sich selber seiner Bedeutung kaum bewußt, aber in großen entscheidenden Dingen; es ist im Baumeister Sol- neß. Dieses Stück ist als persönliche Tragödie weit bedeutender und tiefer als ihre Fabel, wiewohl auch diese wahrlich bedeutend ist. Dieser Bau- meister empört sich gegen Gott und gibt auf dem Kirchturm Gott eine Absage. Selbstverständ- lich in der Weise des Bürgertums vom Ende des 19. Jahrhunderts, aber darum doch nicht eine unklare. Man hat einen Salon oder ein schönes Zirmmer oder eine gute Stube[drei Abstufungen] und verletzt auch im äußersten Falle nicht den guten Ton. Der Baumeister wird keine Kirchen mehr bauen, sondern nur noch Wohnungen für Menschen, wie auch Ibsen , der Dichter, keinen »Brand« oder»Peer Gynt « mehr schreiben wird, sondern nur noch Gesellschaftsstücke, mit der Erde Sich begnügend. Dieser tragische Entschluß und Fluch ist freilich schwer auf Ibsen gelegen, und er ist in geistiger Umnachtung gestorben. Aber: Gott absagen unter der Form: keine»unnützen« Kirchen mehr zu bauen, sondern nur noch»nütz- liche« Wohnungen für die Menschen, das ist eine

Tag- u. Nachtbücher)0 145