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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
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nicht voneinander zu wissen. Kierkegaard hatte sicherlich diese Doppelreflexion, wie er sie nennt, in jedem Augenblick, wo er mit irgendeinem Men­schen sprach aber der andere wußte das fast ebenso sicher nicht. Dieses größte Hindernis, daß der eine den andern in einem Gespräch nicht versteht, fällt nun in einem Gespräch mit Gott absolut weg, wenigstens in einer Richtung: Der Mensch ist absolut gewiß, daß ihn Gott absolut versteht, besser als er sich selber. Das kann an­strengend werden, so daß der Mensch davor zu­rückschreckt, wie Hiob Gespräche mit Gott zu führen, die schließlich doch in schweigendem An­beten enden müssen. Eine besondere Art für sich sind die Selbstgespräche. Sie sind, wenn sie nicht in ein Gespräch mit Gott überführen, gefährlicher als die Gespräche mit einem wirklichen Partner. Wer kennt sich denn selbst? So schafft ein solcher Selbstsprecher sich nicht nur ein falsches Bild von sich selber er erdichtet sich auch einen unwirk­lichen Gegner. Und wohin das führt, das weiß Gott und manchmal der Teufel.

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Alles in allem sind doch die einsamen Schreibe­nächte das Schönste, was mir Gott geschenkt hat. Anlaß und Grund zu ewiger Dankbarkeit.

» Nietzsche hat das Christentum zerschlagen«<, ist die offizielle Lesart der neuen Staatsreligion. Da­bei ist keiner der Modernen mit erbarmungslose­rem Erbarmen von Christus geschlagen worden als eben er. Der Intellekt verkalkt, eine granitene Dummheit rundet sich zur unangreifbaren Welt­kugel gegen den überweltlichen Geist, während das moralische Gefüge und die Sitten sich auf­

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