Druckschrift 
Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
Entstehung
Seite
125
Einzelbild herunterladen

1

daß er die ehrlosesten Handlungen gegen seine Mitmenschen begehen kann. Ehre ruht auf der hierarchischen Ordnung des menschlichen Seins, das heißt auf der Anerkennung einer solchen Ord­nung. Wird die Ordnung pervertiert und die Wahrheit gefälscht, so wird Ehre zu einer er­bärmlichen und gefährlichen Karikatur. Es gibt eine» positive« Ehre, wie es ein» positives« Recht gibt, aber beide setzen die Natur voraus, die » natürliche Ehre und das» natürliche«< Recht. Fälsche ich das natürliche Recht durch die>> Po­sition des Satzes» Recht ist, was dem Volke nützt", so fälsche ich dadurch auch die Ehre, die notwendig mit der Wahrung des Rechtes ver­bunden ist. Wer dem falschen Satze folgt, ge­nießt die höchste Ehre in dem ihn setzenden Staat, ist aber in Wahrheit innerhalb der wahren, unzerstörbaren Ordnung- ehrlos. Der Staat, der aus der Ehre ein Gestüt macht, muß in diesen Fragen dem Manne anbefehlen, seine Ehre darin zu sehen, ein Bulle zu sein, der Frau darin, sich so oft wie möglich schwängern zu lassen, und den Mann zu verlassen, der es nicht kann. Sie müssen beide gegenüber der wahren Ehre die ehrlosesten Handlungen begehen.

Zu dem Wort» enttäuschen«. Der Sprachgebrauch ist philosophisch aufschlußreich. Er setzt ja vor­aus, daß in der Regel den Menschen die Täu­schung angegenehmer vorkommt als die Enttäu­schung. In einer Welt der Wahrheit gäbe es über­haupt keine Täuschung, und in einer Welt, die eine feurige Liebe zur Wahrheit hätte, wäre unter allen Umständen eine jede Täuschung ein Un­glück, ein Unheil, die Enttäuschung aber in jedem

125