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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
Entstehung
Seite
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reichen: impressionistisch beginnend und theo­logisch endend? Die Ewigkeit muß Morgen, Mit­tag, Abend und Nacht sein, denn wie könnte ich eines ihrer missen? Und die Stimme der Taube: segne, segne, segne, du stolzer Geist, und sage: Amen. Vieler klarer Sprüche dunkle Widersprüche verraten meines Denkens Nacht und arme Ohn­macht. Durch Hören kam ich zum Wort und durch das Wort zum Gesicht: aus Wort und Ge­sicht aber entstand das Gedicht.

Wie souverän ist die Bemerkung Pascals, die mir eben beim Anhören eines Siegesberichtes einfiel: dem Jüngling Alexander konnte man es noch nachsehen, daß er die Welt erobern wollte, aber Cäsar in seinem Alter hätte vernünftiger sein kön­nen... Diese Tage lehren einen bis zur Nerven­plage, welcher Infantilismus, und heute noch viel mehr, die Voraussetzung dieser Art gloria mundi ist. Dennoch heißt das vielleicht die Welt trop cavalièrement nehmen. Vielleicht liebt Gott die sich wegen Gut und Ehr' ums Leben bringenden Kindsköpfe mehr als die stolzen Verächter des normalen Lebens dieser Welt, zu dem der Krieg gehört und die Herrschaft über die Welt. Daran ist wohl Wahres, aber heute gilt für die Deut­schen : was nützt es dir, wenn du die Welt ganze gewännest und nähmest doch Schaden an deiner Seele! Es handelt sich heute nicht um Kindlich­keit und Jugendlichkeit, sondern um einen krank­haften Infantilismus, der Schuld und Strafe zu­gleich ist.

Nicht jede Traube ist der Edelfäule fähig. Eine » Kultur ist die Voraussetzung. So gibt es in der

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