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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
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das Unzulängliche als Religion gewählt haben, sind sozusagen eindimensional. Sie selber sprechen von Gesundheit und Ausgeglichenheit. Man kann nicht leugnen, daß zur Zeit ein gewaltiger Versuch gemacht wird, mit Hilfe der Religion der Un­zulänglichkeit, das heißt also der Diesseitigkeit, das Leben der Menschen zu meistern und zu lei­ten. Dieser Versuch ist schließlich ein Kampf ge­gen Gott . Er könnte ihn dadurch entscheiden, daß er ihn gelingen läßt, und das wäre die furchtbarste Entscheidung, nämlich die Preisgabe Europas .

14. Juni

Einzug in Paris . Wären die Deutschen auch nur noch echte Heiden, es müßte in ihnen etwas wie Angst vor dem Neide der Götter aufsteigen. Aber sie sind Anbeter des» Unzulänglichen« und finden alles in Ordnung. Oder täusche ich mich? Hat uns Gott noch nicht verlassen?

» Sagen, was ist«, ist schwer, wenn das Sein ver­gänglich ist. Und welches ist es nicht, außer dem Gottes, das wir nicht kennen? Die dauerhafteste, wahrste, wirklichkeitnächste Aussage ist schließ­lich ja alles ist vergänglich und die Varianten

dazu.

Ich hege keinen Zweifel, daß die Religion der primitivsten Völker von abgründiger Tiefe ist gegenüber der deutschen Herrgottreligion, die an blasphemischer Flachheit und simpler Brutalität ihresgleichen noch nicht gehabt hat. Hinter jeder primitiven Religion ist noch eine unausgeschöpfte, undurchsichtige Fülle. Hinter der deutschen Herr­gottreligion ist einfach die Leere, ein unendliches

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