Druckschrift 
Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
Entstehung
Seite
88
Einzelbild herunterladen

Nie haben Sie und Ihre Religion dieses Schreck- liche und vieles andere, zum Beispiel das völlig nutzlose Leiden der Tiere, die ja auch nach Ihnen keine unsterbliche Seele haben und keine Schuld begehen, menschlicher, göttlicher, ethischer, ratio- naler, das empörerische Gefühl besänftigender er- klären können als Scheler, daß nämlich Gott sol- ches zuläßt, weil er es im Augenblick nicht ändern kann, weil er, wenigstens jetzt noch, machtlos ist. Sehen Sie nicht ein, daß Sie: die Gotteslästerer sind, die behaupten, daß er ein Kind martern, ja Millionen Tiere leiden lasse, wiewohl er es ändern könnte, nicht aber wir, die sagen, Gott könne es nicht ändern, weil er in einem göttlichen Prozesse befangen ist, der vielleicht einmal zur Allmacht des. Guten als Ziel gelangen kann?

Die Stimme des Deutschlandsenders ist nicht nur im objektiven Sinne des Wortes eine unmensc- liche, sondern sie ist eine Verhöhnung des über- natürlichen Lebens und des trinitarischen Gottes, Das ist zur Zeit[18._Mai ] der einzige Grund, warum ich meine, daß Gott die Pest nicht siegen lassen wird; aber Sein Wille geschehe! Ich glaube, ich kann den Glauben nicht mehr verlieren, aber: Herr, hilf meinem Denken!

Es mag sein, daß die großartige Feigheit mancher deutschen Katholiken und Protestanten, durch äußere Ereignisse die innere Pest loszuwerden, vielleicht ihre Strafe finden wird in einer Ver- doppelung dieser Pest eben durch die äußeren Ereignisse. Dann heißt es: mourir ponr Dien senl!

88