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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
Entstehung
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wenig anlügen kann wie Gott . Und ihn kann man doch sicherlich nicht anlügen.

Vielleicht haben die Deutschen durch ihren Ab­fall sich selber zu einer geistigen Sackgasse ge­macht. Bis hierher und nicht weiter! Eine sture Wand vor ihr blüht noch etwas Musik, etwas Wald- und Wiesenlyrik, etwas Familienliebe und funktioniert vor allem Beamten- und Arbeiter­und am furchtbarsten Soldatentüchtigkeit.

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Manche Worte, gelöst von der Stimmung, aus der sie kamen, und der Stimme, die sie gesagt, ver­lieren die Hälfte ihrer Kraft und Bedeutung. Wohl ist manchem Dichter die Gabe gegeben, die Stim­mung wieder zum Leben zu wecken, doch die Stimme, die Stimme, die holde oder entsetzliche, ist ihm versagt, sie kann er nicht sagen. Der künf­tige Geschichtsschreiber aber hat durch die Schall­platte für die heutige europäische Geschichte eine Quelle ersten Ranges, die früher nur der zeit­genössische Historiker hatte, wenn er die agieren­den Personen selber hören konnte.

Alte Leute sagen und schreiben oft Worte, die sie für Weisheiten und tiefsinnige Lehren halten, während die anderen, nicht immer die Hörer wohl, aber die Leser, von Gemeinplätzen, Banali­täten, ja sogar von Geschwätz sprechen. Oft ha­ben beide recht in ihrer Weise. Die Worte der alten Weisen sind an sich vielleicht banal, aber sie sind weise auf Grund des Urgrundes von Ge­fühl und Memoria, aus dem sie auftauchen, und dadurch, daß die Weisen sie selber sind. Das kann man weniger gut lesen als hören und sehen.

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