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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
Entstehung
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zwischen bösem Wollen, falschem Denken, er- und verlogenem Fühlen? Aber meine Augen sind zu schwach, die verbindenden Fäden zu sehen, ich verwirre sie nur oder verliere sie.

Wo ein Begriff und ein Wort daheim sei, das zu erforschen, behaupte ich seit langem, ist ein echtes philosophisches Anliegen. Es geht weit über die übliche Etymologie hinaus, die nur eine wert­volle Hilfswissenschaft ist für ein echt philosophi­sches Erkennen von Elementen.

29. April

Richard Wagner,» Siegfrieds Tod « im Radio. Welch ein Hexenmeister! Ganz echte Barbarei, mund- und ohrengerecht gemacht für die Be­wohner eines bürgerlichen Salons von 1880[ den es heute, 1940, ja immer noch gibt]. Kein Wun­der, daß er nun als der musikalische Prophet jener unvergleichlichen Barbarei gilt, der aus der Ver­wesung der Bourgeoisie aufgestiegen ist.

Kleiner Dialog: A: Es ist kein Zweifel, daß Gut und Böse am besten zum Wollen passen, Wahr und Falsch zum Denken, daß sie dort jeweils da­heim sind. Wie ist es mit dem Fühlen? Ich sehe im Augenblick kein Attribut, das ihm in ähn­licher Weise innig zukommt. Am ehesten noch Echt und Unecht, aber das hängt ja mit Wahr und Falsch zusammen, oder: Freundlich und Unfreund­lich, aber das hängt mit Gut und Böse zusammen. Das ist seltsam. Das Fühlen ist die schwerst zu­gängliche Seinsweise des Menschen.

B: Das ist wahr, mein Freund, eben weil das Fühlen so innen ist, trotz seines Reichtums so

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