theoretischen Wahrheit praktische Folgerungen als die einzig wahren ziehen, wäre, wenn nichts darauf ankäme, beneidenswert[ das Leben wird dadurch vereinfacht]- so aber ist sie eher beklagenswert und erschreckend, denn es kommt schließlich darauf an. Es ist ein Unterschied, ob ein Häretiker verbrannt wird oder als originelles Genie gefeiert wird. Es gibt Zeiten, da die Menschen skeptisch sind gegenüber den Folgerungen, die ihr Verstand zu ziehen fähig ist. Heute ist es anders. Aus den fadenscheinigsten» wissenschaftlichen<< Hypothesen werden Konsequenzen gezogen, als wären sie ewige Wahrheiten.
Wenn die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit eines persönlichen Fortlebens den Menschen nur durch Argumente verstandesmäßig beigebracht werden müßte oder könnte, dann wäre der christliche Glaube heute in einer verzweifelten Lage, denn er setzt das persönliche Fortleben voraus, oder auch: die persönliche Unsterblichkeit ist ein integrierender Bestandteil des christlichen Glaubens. Aber die Wahrscheinlichkeit des persönlichen Fortlebens ist keine Erfindung des Verstandes ex nihilo, sondern stützt sich auf eine Art Instinkt im Menschen, der wohl zuweilen zum Schweigen gebracht werden kann, aber immer wieder auflebt. Er kann betäubt werden vom» Rausch des Lebens«, von großen Erfolgen, Entdeckungen, Erfindungen, Eroberungen, von den Nebeln, die eine gewisse tierische Gesundheit um das Innerste des Menschen so leicht legt. Wenn nun ein Mensch durch Enttäuschungen jeglicher Art, durch Krankheit und die Gebrechen des Alters und die Gewißheit des nahen Todes zu jenem Instinkt zu
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