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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
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reden im eindeutigsten Sinn des Wortes. Mehr als die Hälfte der Weisheit aber ist das Schweigen.

In dieser Welt und in diesem Äon werden oft Übel durch Übel geheilt, wenn man nur acht hat, daß Beelzebub, der den Teufel vertreibt, nicht bleibt und seinerseits wirkt. Heuchelei kann durch Scham­losigkeit vertrieben werden, und die menschliche Natur kann ihr Gleichgewicht wiederfinden in langsamer Arbeit der Heilung. Heuchelei ist der gottverhaßteste Zustand laut der Schrift. Heu­chelei hat die europäische Politik der letzten Jahr­hunderte beherrscht. Es sah aus, als wollten die verschiedenen Diktatoren sie durch Schamlosigkeit ersetzen, die Menschen zur Besinnung bringen und sie ins rechte Gleis werfen. Das war eine Illusion. Denn inzwischen haben in diesen Diktatoren Heu­chelei und Schamlosigkeit ein schamlos- heuchle­risches Bündnis geschlossen, über das nur Märtyrer siegen können. Vielleicht kommt die große Gna­denausgießung, die der alte Blumhardt erhofft, ersehnt, erbeten und vielleicht vorausgeschaut hat.

Eine jede große Begabung ist einseitig und andere fast ausschließend. Die menschliche Natur ist auch in dieser Hinsicht begrenzt. Es ist nicht so, daß, wer die hierarchisch höchste hat, darum auch die niedrigeren haben müßte. Im Gegenteil! Infolge der» Auserwählung « Israels hatten die Juden die hierarchisch höchste Begabung, die religiöse, aber unter Ausschluß aller übrigen, außer der dichte­rischen, doch sie nur im Dienste des Göttlichen. Erst später, nachdem sie Christus gekreuzigt hat­ten, wurden sie auch» Künstler« im Sinne der Heiden, der Völker, der gentes: indessen in der

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