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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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Rucksack, andere trugen prall gefüllte Pappkartons in jeder Hand. Ueber die winkeligen Korridore des Polizeipräsidiums gelangten wir in den Hof: Hier gab es noch einen längeren Aufenthalt, bis die Wageneinfahrt sich öffnete. Endlich stan den wir auf der Straße.

Die Nacht war so dunkel, daß man wortwörtlich die Hand nicht vorm Auge erkennen konnte. Der Zug wurde nach rechts geführt, also dem Königsplatz zu. Dann aber verlor ich zunächst die Orientierung. Nach wenigen Schritten schon standen die Viererreihen zwischen Trümmern und drohten sich aufzulösen. Die Taschenlampen der Transportbegleiter taste­ten mit spitzen Lichtfingern den Zug ab. Offenbar überschrit ten wir den Königsplatz in Richtung Windmühlenstraße. Unser Ziel war also der bayrische Bahnhof.

,, Sag', wenn du denkst, daß wir abgehen können!" flüsterte mir die kleine Havelange zu, die sich fest bei mir eingehakt hatte.

,, Hier noch nicht!" entschied ich. ,, Wir kommen gewiß noch an eine Stelle, wo wir uns zwischen Trümmern schmerzlos ver­drücken können. Die Hunde sind mir noch zu lebhaft!"

Und dann machte ich eine Beobachtung, die mir fast ein Lächeln abzwang. Die Hunde, die zum Teil von der Leine ge­lassen worden waren, hörten das drohende Brummen eines Bombers, der in geringer Höhe über uns hinwegbrauste, und liefen winselnd und mit eingezogenem Schwanz zurück zu ihren Führern. Irgendwo mußten sie bereits Bekanntschaft mit einschlagenden Bomben gemacht haben, und die naive Kreatur versucht niemals den Heros zu spielen und die Be­wunderung der Mitkreatur durch sogenannten Heldenmut her auszufordern: sie folgt vielmehr in allen Fällen dem natür lichen Triebe der Selbsterhaltung. Einer der Hunde wich nicht von meiner Seite, als suche er Schutz bei mir. Ich sprach be ruhigende Worte zu ihm und wagte es, ihn am Halsband zu fassen, was er nicht im mindesten übelnahm. Eben war wieder eine schwere Bombe im Süden niedergegangen, und der Hund schmiegte sich mit allen Zeichen der Angst an mich an.

,, Aufschließen! Aufschließen!" brüllte einer der Polizeier hinter uns her. Aber es blieb zweifelhaft, ob er uns oder an­dere gemeint hatte. Der dünne Kegel seiner Taschenlampe glitt über uns hinweg.

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