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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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,, Anschließen! Anschließen!"

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Aus der Stimme dieses Mannes klang Wut und Angst zugleich. War es nicht eine unverschämte Zumutung, die ganz außerhalb seines ordent lichen Dienstbereiches lag, bei einem Alarm auf die Straße geschickt zu werden, wo jeden Augenblick eine Bombe in die Trümmer rechts oder links fallen und ihm die peinlichsten Unannehmlichkeiten bereiten konnte, während seine Kollegen im Luftschutzkeller saßen und Skat spielten? Und gerade an dieser Stelle lag die ganze Fassade eines Hauses quer über der Straße. Sie hätte schon am lichten Tage eine kleine Kletterpartie zur Ueberwindung erfordert. Wie waren die da vorn eigentlich hier durchgekommen?

,, Hier hauen wir ab! Hinlegen!" kommandierte ich leise. Die kleine Französin verstand mich sofort. Sie löste sich von meinem Arme und war plötzlich wie vom Erdboden vers­schluckt. Ich legte meinen Koffer neben sie und duckte mich hinter eine umgestürzte Säule.

,, Aufschließen! Aufschließen!" brüllte der Transportbeglei­ter, diesmal dicht vor uns. Dazu fluchte er wie ein Heide. Mein Hund sprang winselnd auf ihn zu, und er nahm ihn am Hals­band. Langsam ließ er den Zug an sich vorübertrotten und ge­sellte sich schließlich zu seinen beiden Kollegen, die den Schluß bildeten.

,, Ist alles vor uns?" fragte er laut.

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,, Frag' nich so duẞlig!" antwortete eine Stimme aus dem Dunkel. ,, Wenn du vielleicht denkst, wir kriegen die Hälfte von der Bande bis an die Autos na, die miẞden ja Dinte gesoffen ham, wenn sie jetzt nich abgingen. Ich hab's dem Alden gleich gesagt, daß wir geene Garangdie fier den Dransport iwernähm genn..." Der Rest seiner Rede wurde vom dump­fen Dröhnen eines fernen Bombeneinschlages verschluckt. Dann war die Straße leer.

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,, Frei nach vier Jahren!" Claire Havelange schlang ihre Arme um meinen Hals und schluchzte vor Glück. ,, Manch­mal hab' ich gedacht, ich erlebe es nie!"

Ich hatte sie als Knastschreiber und Nachfolger Dr. Welters in die Kartei aufgenommen und besann mich auf den Wortlaut der Schutzhaftbegründung. Sie wurde festgehalten unter dem Verdachte der Falschmünzerei. Natürlich war niemals gegen sie verhandelt worden. Man hatte sie einfach von Lager zu

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