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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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Gedanken des Autors über sein Buch

Es gilt, und dies mit einigem Rechte, als ein Zeichen von Schwäche, wenn der Autor sein Werk durch ein Vorwort zu rechtfertigen sucht. Muß sein Wort nicht für sich selber sprechen? Wenn es dies nicht vermag, dann sind des Autors Vorbemerkungen gewiß nicht mehr wert, als das dafür satt­sam bekannte Münchner Abkommen Hitlers .

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Aber es gibt nun einmal selten eine Regel, die keine Aus­nahme duldete, und eine solche Ausnahme liegt hier vor. Bin ich doch, wie sich bald herausstellen wird, gar nicht der Autor dieses Buches! Zwar sind die Worte dieser Aufzeich nungen durch das Filter meiner Erinnerung getrieben wor den. Aber das, was hinter ihnen steht, habe nicht ich gestaltet, sondern die Zeit, und ich versichere auf Ehre und Gewis­sen, daß ich dieser Dichterin zumeist nur leidend gegenüber­gestanden und nur bescheidene Versuche gemacht habe, ihr in den Arm zu fallen, um sie zur Aenderung ihrer dunklen und unerforschlichen Absichten zu bewegen. Ich bin schließ lich nichts anderes als ein schlichtes, Opfer des Faschismus' eines unter Millionen. Der Inhalt dieser Aufzeichnungen wurde von einer Instanz geschaffen, welche höher ist als alle Ver­nunft: von blinden, in ihren Ursachen und Wirkungen kaum noch überprüfbaren Kräften, die zweifellos außerhalb aller literarischen Wertung stehen.

Hebbel sagt einmal treffend, den großen Dichter charak terisiere vor allem eines: daß nämlich seine Gebilde, nicht, den Statuen des bildenden Künstlers gleich, unfruchtbar in den Nischen stehenbleiben, sondern daß sie wie lebendige Menschen fortzeugen. In diesem Sinne freilich gehört die Dichterin Zeit nicht zu den Großen ihres Berufes. Sie schafft immer nur einmalige Gebilde. Kunst und Leben sind nun ein­mal getrennte Welten, und was hier festgehalten wurde, ge­hört nicht ins Reich der Kunst, sondern bleibt schlicht ab

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