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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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,, Bekannten getroffen?" sagte er mit hämischem Lächeln. ,, So was gommt vor." Und zu dem betreten blickenden Studienrat gewendet, fuhr er fort: ,, Sie genn sich ja das Frichtchen in der Wächderstraße beguggen. Hier gibd's geene Gonfersazjohn­sonst nähm'ch Sie gleich ooch noch mit!" In dem Augenblicke fuhr die Linie 11 vor. Beim Einsteigen gab es abermals einen Zwischenfall. Der Idiot zu meiner Rechten fing plötzlich an zu heulen und versuchte, sich auf die Straße zu werfen. Der Polizist, ein Mann vom Sicherheitsdienste, packte den jungen Burschen beim Kragen und warf ihn wie ein Bündel auf die vordere Plattform des Wagens. Ich wurde am Handgelenk mit­gezogen und half dem Weinenden aufrichten.

,, Solche Fissemandendchen hab' ich gerne!" sagte der SD.< Mann, als der Wagen anfuhr, und dazu versetzte er dem Jam­mernden einen Fausthieb an die Schläfe, der geeignet schien, einen Ochsen zu chloroformieren. Aber mein Zwillingsbruder kam durch ihn zur Vernunft. Er stand zitternd neben mir und blieb folgsam bis zur Ablieferung an der Gefängnistür Zwei Tage später wurde er übrigens entlassen. Man hatte sich in­zwischen wohl von der politischen Harmlosigkeit dieses Man­nes überzeugt.

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Das Ende des Wahnsinns war greifbar nahe. Wer jetzt noch an eine sieghafte militärische Wendung glaubte, gehörte ins Irrenhaus. Woher die Parteigänger den Mut fanden, den Glauben an einen Hitler- Sieg vorzutäuschen, das war schwer zu begreifen; und doch die kurze Spanne Zeit bis zum Zusammenbruch des Terrors barg zweifellos für den politischen Gefangenen die schwersten Gefahren...

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Im Polizeigefängnis konnte ich unter den Beamten eine merkwürdig geteilte Stimmung feststellen. Es waren da eine ganze Reihe hilfsdienstverpflichteter Leute als Beamte einge­stellt worden, die ihren Dienst nur mit halbem Herzen, einem Drittel an Pflichtgefühl und einem Viertel von Begeisterung für die gute Sache leisteten, der zu dienen sie durch Tragen des Parteiabzeichens vorgaben. Neben ihnen gab es noch ein paar alte Bestien, deren Dummheit und Roheit mit der Hilf­losigkeit wuchs, die den Parteigenossen von Tag zu Tag stär­ker beim Kragen packte. Die schlimmste von ihnen war der Hauptwachtmeister Rothe, der beim allgemeinen Aufwaschen wegen Gefangenenmißhandlung zu drei Jahren Gefängnis ver­

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