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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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zig wird man sich auch nicht gerade beeilen. Also Geduld. Einmal kommst du schon noch in die Wächterstraße. Ver­loren hast du dort gar nichts. Es ist proppenvoll in dem Hause, und der Fraẞ is nich besser als hier!" Am sech sten Tage in der Frühe wurde ich mit einem weinenden Idio­ten zusammengefesselt und zur Linie 6 geführt; Haltestelle Bahnhof Stötteritz. Wir beide traten auf den Vorderperron zu­sammen mit dem begleitenden Polizeier. Zum ersten Male sah ich das zerstörte Leipzig bei Tageslicht. Es war ein er­schütterndes Erlebnis. Am Augustusplatz stiegen wir um in eine der Bahnen, die nach dem Süden fahren. Vor der ausge­brannten Universität erwarteten wir diese Bahn, an derselben Stelle, von der aus ich am 14. Dezember 1942 zum ersten Male zum Polizeipräsidium gefahren war. Fast fünfundzwanzig Mo­nate lagen zwischen diesen beiden Terminen.

Was alles hatte sich in der Zwischenzeit ereignet!

Zwischen diesen Terminen lag die im Namen des Volkes verbüßte Strafe, und noch immer war ich gefesselt, und meine einzige Hoffnung war die auf den Zusammenbruch der Macht, die mit brutaler Gewalt Deutschland in eiserner Klaue hielt. Dieser Zusammenbruch würde die Vernichtung aller Wirtschafts- und Kulturkraft des deutschen Volkes in sich schließen, und trotzdem mußten ihn alle Vernünftigen mit heißem Herzen herbeisehnen. Welch eine groteske Per­vertierung aller Gefühle, die in uns von früher Jugend an entwickelt worden waren, mit denen wir heranwuchsen und die unserem Herzen teuer waren! Wenige Schritte von mir entfernt lagen die Trümmer des Café Felsche. Durfte ich dies nun als ein Symbol nehmen? Ein Restchen Mystizis­mus steckt doch in uns allen. Ich mußte lächeln bei dem Ge danken.

Ein Mann trat auf mich zu streckte mir mit ungläubigem Lächeln die Hand zum Gruße entgegen.

,, Ich hörte ich mich

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Sie sind also wieder in Leipzig ? Wie freue

Die Unterhaltung mit gefesselten Gefangenen ist verboten", sagte ich und zog mit meiner Handkette das Gelenk des Idioten ein Stück in die Höhe. Der Mann

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es war ein mir flüchtig bekannter Studienrat erbleichte. Der Transportbegleiter, der ein wenig abseits gestanden hatte, trat neben mich.

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