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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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urteilt wurde. Rothe war in der Tat, was man im Sträflings­jargon ein Mistvieh nannte. Von einer Boshaftigkeit und Schä­bigkeit der Gesinnung, wie ich sie einzig wieder nur beim , Kugelblitz im Mathildengefängnis zu Dresden angetroffen habe. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob dieser rüde Ton und die gewollt boshafte Behandlung der Gefangenen wirklich den Dienst erleichtere. Der Augenschein lehrte, daß die mensch­licheren Beamten besser mit ihnen auskamen. Aber schließ lich war ich lange genug im Knast, um zu begreifen, daß eine solche Ueberlegung von falschen Voraussetzungen ausging. Ich war eben immer noch ein wenig geneigt, das Gefängnis mit einer Erziehungsanstalt zu verwechseln. Die Roheiten eines Rothe waren nichts anderes als die Ausbrüche der untersten Magmaschicht seiner Seele, ein fahrlässiges Sichgehenlassen, im Grunde die Schwäche eines gänzlich abgenutzten Charak­ters. Ich suchte Logik, wo keine zu finden war was im übri gen die Kardinaluntugend aller abendländischen Philosophie zu sein scheint. Die undeutbaren, von uns daher als akausal empfundenen Erscheinungen dieser Welt sind es, die uns Rätsel aufgeben, und zu ihnen gehören ganz unbedingt die Emana­tionen einer Wachtmeisterseele. Diese Leute mochten brave Familienväter und tüchtige Unteroffiziere sein: im Dienst waren sie wie verzaubert in Lindwürmer, Drachen und Basilisken. Bei ihren Schimpftiraden wurde ich unwillkürlich an jenen säch sischen Sergeanten erinnert, der von sich zu sagen pflegte: , Außerdienstlich bin ich sozusagen ä Mensch, awer im Dienst bin ich ä Vieh un, mergen Se sich, Einjähriger: Ich bin immer im Dienst!'

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Fünf Tage war ich im Polizeigefängnis, ehe meine Frau den Weg zu mir fand. Mehr als vierzehn Tage waren vergangen, seit ich Coswig verlassen hatte und auf Transport- und Polizei­verpflegung angewiesen war. Das Essen in der Wächterstraße war in der Zwischenzeit weder reichlicher noch besser gewor den. In der Riebeckstraße waren im Laufe der letzten vier Monate, wie ich später als Schreiber festzustellen Gelegenheit hatte, dreißig Zentner Brot an die Gefangenen zu wenig aus­gegeben worden, also, abhanden gekommen. Wenn man be denkt, daß dort täglich bis zu tausend Mann, Transport' durch­gingen, war das gar keine erstaunliche Leistung. Die Wacht mannschaften die Kalfaktoren Hunger hatten sie alle.

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