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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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Haus eben im rechten Augenblicke. In den nächsten drei Monaten schnellte die Todesquote so gewaltsam hoch, daß man es wirklich als einen Gewinn betrachten konnte, diese Zeit an einem anderen Orte zu verleben:

Auch an aufregenden Erlebnissen war für mich kein Mangel gewesen. Eine neue schwere Explosion. in den nahegelegenen Sprengstoffwerken zertrümmerte unsere Fensterscheiben und forderte unter den dort beschäftigten Gefangenen: eine Reihe von Todesopfern und Erblindeten. Die Katastrophe konnte einwandfrei auf einen Sabotageakt zurückgeführt werden. Der Mann, der die Explosion zur Auslösung brachte, war ent» schlossen mit in die Luft gegangen. Bei Polackenschulz in Bernburg stürzten sich immer wieder Selbstmörder vom hohen Förderturme herab, und jedesmal gab es peinliche Unter- suchungen, die vom Wirtschaftsinspektor mit besonderer Hin» gabe betrieben wurden. Als im Magdeburger Unter suchungsgefängnis der Flecktyphus. ausbrach, mußten einige Aufseher von uns dorthin abgegeben werden, die Schauer» geschichten vom Wüten der Krankheit erzählten. Auch das Heldensieb die Nachuntersuchung auf Kriegstauglichkeit forderte Opfer in den Reihen der älteren Wachtmeister, so daß die-Zahl der aufsichtführenden Beamten ständig zus rück, ihre Dienststunden dafür in die Höhe gingen. Die Zeit fraß gierig Nervensubstanz in allen Schichten des Hauses, und man fühlte deutlich, daß es zu Ende ging.

Bereits im November 1944 wußte ich, daß der Ablauf meiner Strafzeit für mich die Freiheit nicht bedeuten würde. Geahnt hatte ich es*ja bereits, als ich verurteilt wurde. Es wurde mir zur Gewißheit durch einen Schriftwechsel zwischen dem Reichs- sicherheitsamt und dem Generalstaatsanwalt zu Naumburg , der mir in Abschrift ‚zur Kenntnisnahme an die Direktion des Zuchthauses Coswig durch die Finger lief. So konnte ich meine Frau von dieser Wendung meines Schicksals noch recht- zeitig in Kenntnis setzen, so daß ihr die große Enttäuschung am Tage der Entlassung erspart blieb... Ende November kam dann die klare Anordnung, daß ich als ‚gemeingefährlicher poli- tischer Häftling am 20. Dezember nicht in Freiheit zu setzen, sondern der Gestapostelle Leipzig zu ‚überstellen sei. Der gute Oberinspektor Große hatte das Schriftstück offen auf seinem Arbeitsplatz liegen lassen, den ich früh aufräumte. Nun

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