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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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und Talfahrten gemacht. Einiges davon will ich wenigstens andeuten.

Als Willy Pohle endlich entlassen war, trat an seine Stelle als Hauptschreiber der Arbeitsverwaltung ein ausgesprochen Schiefgewickelter, namens K..., der wegen Verführung Minder­jähriger und einiger damit in Zusammenhang stehender Delikte zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Er zog an Willy Pohles Stelle in unsere Zelle: ein kleiner, beweglicher Kerl, leider nur eben auch charakterlich stark angeschlagen. Intrigant und jederzeit bereit, Spitzeldienste zu leisten. Seine. Anwesenheit in der Zelle war Sprengpulver für die Gemein­schaft, und so kam es zwischen ihm und mir bald zu einem ernsthaften Konflikte. Er meldete mich bei Witte, und Witte ließ mich vorführen. In dieser Unterredung mit dem Direktor habe ich es denn an Deutlichkeit nicht fehlen lassen. Witte bot mir daraufhin eine Einzelzelle in einer anderen Ab teilung an, und ich war ihm für dieses Angebot außeror­dentlich dankbar. So wurde ich der Zellennachbar von Charles Bainverlzweig. Die neue Behausung war für mich eine Erlösung. In dieser Einzelzelle verblieb ich bis zu meiner Entlassung. Es war übrigens dieselbe Zelle, in der mich Rauch­fuß am ersten Tage meines Zuchthausdaseins so herzlich willkommen geheißen hatte.

Die letzten Wochen meiner Zuchthaushaft waren die schwer sten. Am Tage mußte ich mit Italienern und Franzosen Bom­benabwurfgeräte, verwerten, und das war für mich, der ich niemals mit Hammer und Meißel umzugehen gewöhnt gewesen war, recht anstrengend. Aber auch hier fand ich zuguterletzt einen Ausweg. Ich machte Rackebrand den Vorschlag, die Voltmeter herauszuschrauben. Das war eine saubere und leichte Arbeit, die die Verwertungsquote um mehrere tausend Prozent erhöhte.

In diesen letzten Wochen verlor ich die Verbindung mit Mimra ein wenig, da in Erwartung meines Abganges bereits ein neuer Bibliothekar eingerichtet worden war, der alles das, was ich in sachlicher Arbeit aufgebaut hatte, wieder verkom men ließ. Nun ich hatte ja kein vitales Interesse daran, mit Nachruhm belastet aus diesem Hause zu scheiden. Als ich ging, hatte ich das Gefühl: Noch länger hier zu leben, wäre eine untragbare Belastung gewesen. In der Tat, ich verließ dieses

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