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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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sonderen Spaß macht, das möchte ich bezweifeln. Vielleicht will ihn das Schicksal gerade durch dieses Leben bestrafen?

Zweier Männer muß ich dankbar gedenken: des Wirtschafts­inspektors Große und seines Helfers Mönnich, der zugleich als Dentist für die Gefangenen tätig war. Große war stets be­müht, gesetzliche Zustände im Hause aufrechtzuerhalten; und dies wurde ihm wahrlich nicht leicht gemacht. Mön nich gelang es darüber hinaus, den Gefangenen gegenüber eine menschliche Haltung zu bewahren, und was das in einer sol­chen Umgebung bedeutete, kann nur der verstehen, der diese stillen Kämpfe eines aufrechten Mannes um das, was er sein Gewissen nannte, selber mit angesehen hat. Mönnich gab mir in den Tagen, in denen er und die Seinen wahrlich nicht im Ueberfluß lebten, aus seinem Haushalt ein halbes Brot zum Abschied mit auf den Leidensweg des Transportes. Wer kann heute ermessen, was für ein Herz dazu gehörte, so an einem verhungerten Gefangenen zu handeln? Mönnich war eben einer jener seltenen Menschen, deren soziale Beziehungen nicht nur auf einer Do- ut- des- Haltung basieren. Einem solchen Manne als Gefangener zu begegnen, ist eine Glücksfügung von besonderer Herrlichkeit. In einem alten Logen- Liederbuche fand ich einst den naiven Reim: Wohltaten, still und rein ge­geben, sind Tote, die im Grabe leben! Ich bin nicht für pompöse Grabinschriften, aber wenn nun schon, dann ge bührte dem braven Mönnich ein schlichtes Epitaph mit die­sem kindlichen Reime und dem Zusatz: ,, Gab dem hungernden Gefangenen Brot um Gottes Lohn!"

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Wenn ich das, was ich über die Coswiger Zeit niederge­schrieben habe, noch einmal überlese, dann finde ich, daß durch diese Niederschrift ein klares Bild vom Leben in diesem Hause nicht vermittelt wird. Aber schließlich wollte ich ja gar nicht eine ,, Reportage aus Coswig" geben. Menschen und Schicksale zu schildern, hatte ich mir vorgesetzt, und eben auch das ist mir nur in bescheidenem Maße gelungen; denn solcher Menschen und Schicksale gab es in diesem Hause in ver wirrender Fülle und Mannigfaltigkeit. Der Versuch, sie in Ein­zelbildern einzufangen, ergäbe ein Buch für sich. Mein ei­genes Schicksal hat in diesem Jahre ganz merkwürdige Berg­

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