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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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ähnliches Schicksal im letzten Augenblicke viele Tausende er­eilt hat, die sich in der Gewalt dieser Banditen befanden. Der Gegenstand der Anklage war dabei ganz unerheblich. Von irgendwem wurde der Tod eines unerwünschten Zeugen für zweckdienlich erachtet, und damit wurde der Tod dieses Zeu­gen eine schlichte Selbstverständlichkeit. Bemerkenswert an allen diesen Vorgängen ist aber eben doch, daß in fast allen Fällen von einem Widerstande der Justizstellen gegen die Er­mordung der ihrer Obhut anvertrauten Männer und Frauen kaum etwas zu spüren war. Witte lieferte die sieben Opfer, die von ihm gefordert wurden, ohne Bedenken aus, ohne auch nur nach einer Begründung des Mordbefehls zu fragen. Wie konnte so etwas möglich sein in einem Staate, der sich seiner geordneten Rechtspflege rühmte? Man kann diese sinnlose Mordepidemie nicht deuten einfach mit dem Hinweis auf die , Angst vor der Gestapo '! Vielmehr war dafür verantwortlich die unbedingte Anerkennung der Autorität jener Stellen, die man als, staatsnotwendig' empfand. Das ist schließlich noch etwas anderes als der schlichte preußische Kadavergehorsam, dem man neuerdings alles in die Schuhe schieben will, was sich in das Bild einer ethisch fundierten Gemeinschaft nicht einfügen läßt. Man sah in einer solchen Haltung, die mit Pflichterfüllung und Beamtendisziplin nichts, rein gar nichts zu tun hat, sondern nur mit dem Fehlen alles Verantwor tungsbewußtseins, einen, letzten Wert'. Diese staatsvergötzende Haltung hatte überdies den Vorzug außerordentlicher Bequem­lichkeit, indem sie Verantwortung und Entscheidung jenen Stellen zuschob, die diese Worte längst aus ihrem Vokabular gestrichen hatten. Diese Haltung aber ist es, die eine Entwick­lung zur Demokratie in Deutschland bisher verhindert hat. Alle Vergötzung ist eben ein Uebel, ist vielleicht jene dunkle , Sünde wider den Geist', von der die Schrift spricht, ohne sie näher zu bezeichnen. Schlimmste Form: Vergötzung des Staates! Herr, erlöse uns von dem Uebel!

Die Spiele der Erwachsenen nennt man Geschäfte. Sagt nicht so der heilige Bischof von Hippo, Aurelius Augustinus ? Sieht man das an, was sich Kriegsproduktion nennt, dann kommt man bald dahinter, daß der ehrwürdige Alte recht hat.

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