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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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Da ist eine Fabrik, die mit der Arbeitsverwaltung des Zucht­hauses um Pfennige am Gefangenenlohn feilscht. Damit kein Irrtum entsteht: Was die Firma zahlt, bekommen die Gefan­genen ja doch nicht. Ihnen kann es ganz gleichgültig sein, wie sich der Arbeitsmarkt für Gefangene entwickelt, ob er eine steigende oder eine fallende Tendenz zeigt. Angesichts der blühenden Wirtschaftsentwicklung, die der Krieg mit sich bringt, ist die Tendenz natürlich steigend.

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Diese Firma also stellt, chemische Produkte her. Das könnte Sprengstoff sein oder Farbe für den Osterhasen, seine Eier zu färben. Diesmal ist es leider etwas Uebelriechendes, näm­lich Brandmasse für Feueranzünder. Die Gefangenen, die dort arbeiten, tauchen ein Stück Torf mit den Händen in eine heiße, dampfende Masse, die aus Teerrückständen besteht. So etwas machte man früher mit Gummihandschuhen; aber die gibt es leider nicht mehr. Die also mißhandelten Hände rächen sich natürlich. Freie Arbeiter weigern sich, diese Arbeit man nennt sie das Tauchen' zu verrichten, und man kann ihnen das gar nicht verdenken. Wer nämlich einmal seine Hände in diese Masse getaucht hat, der hat sie derart mit schwarzer Farbe imprägniert, daß das beste Waschmittel der Welt einige Monate braucht, sie wieder weiß zu waschen. Also muß diese Arbeit von Gefangenen verrichtet werden. Ge­fangene können sich nämlich nicht einfach weigern, sie zu verrichten. Aber sie demonstrieren: indem sie zum Zuchthaus­arzt gehen und ihm die miẞhandelten Hände mit ihren mannig faltigen eiternden Ekzemen unter die Nase halten. Dieser Mann ist zwar kein Arzt, sondern ein Medizinmann, aber immerhin, es gibt Dinge, denen er sich doch nicht ganz ver­schließen kann...

Natürlich ist diese Arbeit, wenn auch nicht gerade gesund­heitsfördernd, gänzlich unschädlich. Der Herr Regierungs­medizinalrat hat ein Gutachten darüber abgegeben, in dem es heißt: ,, Auf Anfrage teile ich mit, daß der Umgang mit den in Ihrem Werke verarbeiteten Teer- Restprodukten keine ge­sundheitschädlichen Wirkungen, insbesondere keine Hautschädi­gungen erwarten läßt. Es liegt daher kein Grund zur Verwei gerung der bei Ihnen zu verrichtenden Arbeiten vor und muß eine solche als Sabotage bezeichnet werden." Das Wort Sa­botage ist in diesem stilistischen Meisterwerke dreimal rot un­

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